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Petra Schier: Liebe Susanne Goga, bisher sind zwei Krimis von dir erschienen:
Leo Berlin und Tod in Blau
Worum geht es in deinen Büchern?
Susanne Goga: Es geht um das Berlin der 20er Jahre, das mich sehr fasziniert. Historisch, politisch, sozial, künstlerisch war es eine sehr bewegte Zeit, die viel Stoff für Romane bietet.
PS: Warum schreibst du ausgerechnet Krimis? Wie bist du dazu gekommen?
SG: Zuerst war das Interesse an dieser Zeit da. Und dann kam mir der Gedanke, dies als Hintergrund für Krimis zu verwenden. Es ist ein Genre, das in fast allen Epochen und sozialen Milieus funktioniert, das hat mich gereizt. Und es gab, als ich damit anfing, kaum Krimis, die in dieser Zeit angesiedelt sind.
PS: Schreibst du auch noch in anderen Genres?
SG: Ja, ich schreibe gerade einen historischen Roman, der im England des frühen 19. Jahrhunderts spielt. Keinen Krimi, übrigens.
PS: Warum hast du dich entschieden, eine Reihe über den Kriminalkommissar Leo Wechsler zu schreiben? Warum keine Einzelromane?
SG: Mich reizt es, auch die privaten Hintergründe der Figuren auszuloten. Und Leos Familiengeschichte bot Stoff zur Weiterentwicklung. Was wird aus ihm und Clara? Und seiner Schwester Ilse? Die Zeit bietet, wie gesagt, viel Stoff für einen bunten Hintergrund.
PS: Was ist dir an deinen Büchern besonders wichtig?
SG: Mir liegt sehr viel daran, möglichst überzeugende Figuren zu schaffen, keine Schablonen. Sie können ruhig Ecken und Kanten und negative Eigenschaften haben, das ist nur menschlich. Und diese Figuren stelle ich gern in einen historischen Kontext, wobei ich darauf achte, dass sie keine typischen Vertreter des 21. Jahrhunderts sind, die man dorthin versetzt hat. Daher bringt mein Leo Wechsler auch oft so wenig Verständnis für seine Schwester auf, auch wenn ich es mir eigentlich anders wünschen würde. Aber er ist ein Mann des Jahres 1922, und da waren die Geschlechterrollen noch anders verteilt. Aber einen Übermacho könnte ich mir auch nicht als Helden vorstellen.
PS: Welche Reaktionen bekommst du von deinen Lesern?
SG: Meist sehr positive, wobei jene am interessantesten sind, die mich nur indirekt erreichen, z. B. über Leserforen im Internet. Da schreiben die Leute ihre ehrliche Meinung, ohne sich darum zu kümmern, ob ich das lese oder nicht. Diese Reaktionen sind am aufschlussreichsten. Sehr gefreut habe ich mich, als bei einer Lesung meine ehemalige Lehrerin aus dem Deutschleistungskurs auftauchte und mir erzählte, dass sie meine Bücher mag.
PS: Du arbeitest auch noch als Übersetzerin. Wie beeinflusst das deine Arbeit als Autorin?
SG: Durch das Übersetzen bin ich sensibel für Sprache geworden. Da ich Literatur aus dem Englischen ins Deutsche übersetze, arbeite ich seit vierzehn Jahren täglich mit der deutschen Sprache, das macht viel aus. Und ich lerne aus den Fehlern und Stärken der Autoren, die ich übersetze, da ich bei meiner Arbeit natürlich sehr genau auf den Text schaue. Genauer, als wenn ich ihn einfach zur Unterhaltung läse.
PS: Wie hast du einen Verlag für dein erstes Buch gefunden? Und wie ging es danach weiter?
SG: Ich arbeite mit einer Literaturagentur zusammen. Mein Agent hat mein erstes Buch im Entstehungsprozess begleitet und danach vier Verlagen angeboten, von denen einer zugesagt hat. Danach kam der zweite Leo-Wechsler-Roman „Tod in Blau“ ebenfalls bei dtv heraus. Leider ist die Reihe, zumindest bei dtv, damit beendet, da sich die Verkaufserwartungen nicht erfüllt haben, worüber ich natürlich sehr traurig bin. Einen dritten Leo würde ich gerne schreiben. Aber ich habe für meinen historischen Roman, den ich gerade schreibe, einen neuen Verlag gefunden. Es geht also weiter. Und vielleicht ergibt sich irgendwann auch die Möglichkeit, einen neuen Leo-Roman zu bringen.
PS: Wie sieht dein (Schreib-)alltag aus und wie lange brauchst du, um ein Buch fertig zu schreiben?
SG: Bisher habe ich etwa zehn Monate gebraucht, beim neuen Projekt wird es wohl länger dauern, weil ich mich in eine neue Epoche einarbeiten muss und es auch umfangreicher werden wird. Ich schreibe oft abends, weil ich morgens übersetze. Da bin ich an feste Termine gebunden, die ich einhalten muss. Außerdem habe ich eine Familie, sodass ich jede freie Minute nutzen muss, oft auch spontan. Feste Zeiten gibt es im Grunde nicht. Der Unterschied zwischen Schreiben und Übersetzen ist aber, dass ich nur übersetze, wenn ich am Schreibtisch sitze. Schreiben passiert aber auch im Kopf, wenn ich Auto oder Rad fahre oder ganz andere Dinge tue. Das läuft immer im Hintergrund ab, und die besten Ideen habe ich manchmal, wenn ich mit etwas völlig anderem beschäftigt bin.
PS: Wie gehst du bei der Planung eines neuen Buches vor?
SG: Meist kommt mir die Idee spontan. So auch beim dem historischen Roman, an dem ich gerade arbeite. Ich habe das Buch „Eine kurze Geschichte von fast allem“ von Bill Bryson gelesen, das mich ungeheuer begeistert hat. Vor allem das Kapitel über Geologie, das mich zu meinem neuen Roman angeregt hat. Ich bin allerdings keine große Planerin und schreibe meist einfach drauflos. Das Gerüst wächst erst nach und nach heran.
PS: Gibt es bestimmte Rituale, die du beim Schreiben einhältst?
SG: Eigentlich nicht, außer Tee und Kaffee trinken, das finde ich inspirierend. Da ich aber jede freie Minute nutzen muss, kann ich mir keine festen Zeiten o. ä. vornehmen, die ich ohnehin nicht einhalten kann. Tendenziell schreibe ich aber mehr am späten Nachmittag und Abend, morgens fast nie.
PS: Wo schreibst du (am liebsten)?
SG: In meinem Büro mit Blick in den Garten, das beruhigt sehr. Aber ich habe auch im Urlaub an klapprigen Tischen oder mit Laptop auf dem Schoß geschrieben. Nichts ist unmöglich, wenn die Ideen da sind.
PS: Hast du ein bestimmtes Tagespensum oder setzt du dir bestimmte (Zwischen-)Ziele?
SG: Eigentlich nicht, eben weil ich so unregelmäßig schreibe. Manchmal setze ich mir schon Ziele, z. B. musste ich eine bestimmte Textmenge zusammen haben, bevor mein Agent das Projekt anbieten konnte. Da habe ich dann konzentriert daraufhin gearbeitet.
PS: Wieviel und wie lange recherchierst du für ein Buch? Und wie gehst du dabei vor?
SG: In Zeit lässt sich das nicht bemessen, aber was ich schreibe, ist schon rechercheintensiv. Für meine Berlinkrimis habe ich jahrelang immer wieder recherchiert, oft auch punktuell auf bestimmte Sachverhalte hin. Und das vor Ort, im Internet und in Büchern, die ich oft antiquarisch erworben habe. Mich fasziniert, welche Kontakte man übers Internet bekommt. Zuletzt antwortete ein Kunsthistoriker aus Oxford, eine Weltkapazität für Leonardo da Vinci, auf eine Frage, das war schon sehr befriedigend.
PS: Welchen Stellenwert haben Lesungen für dich und welche Erfahrungen hast du damit gemacht?
SG: Ich mache gerne Lesungen, die Erfahrungen waren gemischt. Am schlimmsten war eine Veranstaltung vor sieben Leuten, unter denen auch die Veranstalter und eine Freundin waren, also praktisch null zahlende Zuschauer. Das war frustrierend, die Werbung war wohl nicht gut gelaufen. Es hängt auch vom Veranstaltungsort ab, dem Wetter, was sonst an dem Tag los ist und so weiter. Letztlich trifft es mich natürlich schon, wenn wenige Leute kommen, sei die Erklärung auch noch so schlüssig. Schön war, als in Exeter fünfzig englische Germanistikstudierende freiwillig zu meiner Lesung gekommen sind. Auch in Herzogenrath hatte ich dieses Jahr eine sehr erfreuliche Lesung vor großem interessiertem Publikum. Und der Höhepunkt war das Krimifestival in Gießen, wo Joachim Król aus „Tod in Blau“ gelesen hat. Das hat mich sehr stolz gemacht. Und es waren fast dreihundert Leute da. Insgesamt finde ich den unmittelbaren Kontakt zum Lesepublikum sehr schön und interessant.
PS: Was ist dein größter Traum?
SG: Verrate ich nicht.
PS: Welchen Rat gibst du anderen, noch unbekannten Autoren?
SG: Nicht aufgeben, konstruktive Kritik annehmen, nicht auf Geldmacher hereinfallen, von denen es leider jede Menge gibt. Kontakte zu Gleichgesinnten suchen, da gibt es vor allem im Internet viele Möglichkeiten.
PS: Welche Bücher liest du derzeit am liebsten?
SG: Ich lese gerne historische Romane, ab und zu Krimis – nicht so oft, wie man vielleicht denken könnte -, aber auch Literatur von Autoren wie Christoph Ransmayr und Kazuo Ishiguro, zwei meiner Favoriten. Ich lese viel auf Englisch. Manchmal auch Sachbücher über naturwissenschaftliche Themen.
PS: Liebe Susanne Goga, vielen Dank für dieses Interview.
Homepage von Susanne Goga: www.susannegoga.de
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