Petra Schier

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Interview mit Renate Klöppel im März 2008

Petra Schier: Liebe Renate Klöppel, von dir sind bereits einige Krimis sowie Sachbücher erschienen. Worum geht es in deinen Krimis? Wer sind die Protagonisten?

Renate Klöppel: Das Thema das in allen Krimis vorkommt, ist die Gentechnik ohne dass diese einen breiten Raum einnimmt und die Krimis von wissenschaftlichen Details strotzen.

Das Thema hängt untrennbar mit der Hauptperson der Krimis zusammen Dies ist der erfolgreiche, aber mit verschiedenen menschlichen Schwächen wie Eitelkeit und Unpünktlichkeit ausgestattete Professor Alexander Kilian. Mir ist dieser attraktive Mittfünfziger trotz seiner „Macken“ ausgesprochen sympathisch.

Er gerät, meist gemeinsam mit seiner jungen Lebensgefährtin Ina, in diverse Schwierigkeiten, sei es durch Machtkämpfe und Eifersucht mit tödlichem Ausgang in seinem Institut an der Freiburger Universität (im Mäusemörder) oder durch das Eindringen eines fanatischen Sektieres, der die Gentechnik für terroristische Zwecke nutzt wie in Die Farbe des Todes ist Schwarz.


PS: Warum schreibst du ausgerechnet Krimis?

RK: Sie liefern mir die Möglichkeit, gesellschaftliche Themen, aber auch die Problematik der Gentechnik, in einem spannenden Rahmen aufzugreifen. Wenn ich den „Bösewicht“ zu Worte kommen lasse, kann ich auch provokante Sätze schreiben, die geltende Ansichten auf den Kopf stellen, ohne das es mir gleich übel genommen wird. In meinem vierten Krimi, der noch nicht ganz fertig ist, stammen solche Sätze ursprünglich von Nietzsche und werden vom Täter zitiert. 


PS: Was ist dir an deinen Krimis besonders wichtig?

RK: Sorgfältige Recherche, was vor allem die in den Büchern „versteckten“ Fakten betrifft, menschlich überzeugende Personen, die sich nicht einfach in Schablonen einordnen lassen (auch der Terrorist in Die Farbe des Todes ist Schwarz fühlt und leidet sehr menschlich) und natürlich und ganz wichtig, die Spannung.


PS: Dein zweites Standbein sind die Sachbücher. Wie bist du dazu gekommen und welche Themen liegen dir besonders am Herzen?

RK: Ich habe zunächst Medizin studiert und mehr als zehn Jahre als Kinderärztin gearbeitet. Ich war Ende dreißig, als ich mir mit einem Musikstudium meinen Jugendtraum erfüllt habe. Aus dieser Zweigleisigkeit ergab sich nicht nur ab dem 2. Semester eine Dozentenstelle an der Musikhochschule, sondern auch die Kompetenz für Sachbücher, die beide Gebiete einschließen. Zu meiner Freude gehören alle vier Sachbücher zur Standardlektüre für die jeweiligen Fachgebiete und werden immer noch regelmäßig neu aufgelegt. Erwähnen möchte ich Die Kunst des Musizierens im Schott Verlag und Mentales Training für Musiker bei Bosse. Letzteres kann auch Autoren eine Hilfe sein, die vor Lesungen von Lampenfieber geplagt werden.


PS: Du hast einen interessanten Lebenslauf: Kinderärztin, Diplommusiklehrerin, Hochschuldozentin, Sachbuch-, Roman- und Krimiautorin … Welcher Bereich daraus hat dich in deiner Schriftstellerischen Tätigkeit am meisten beeinflusst?

RK: Eindeutig die Ärztin. Zum einen lieferten mir das Medizinstudium und die eigene Forschungstätigkeit den Background, die Krimis in einem Uni-Institut spielen zu lassen und mich dem Thema Gentechnik zu widmen. Ganz speziell war der Einfluss im Mäusemörder, wo das Gift Botulinum Toxin eine wichtige Rolle spielt. Diese Substanz wird in der Kinderheilkunde als Mittel gegen Spastik, also eine durch Hirnschäden bedingte Muskelverkrampfung, eingesetzt. Es ist übrigens dieselbe Substanz, die gegen Falten verwendet wird, weil sie z.B. die Lachmuskeln lähmt. Mindestens ebenso wichtig wie das Fachwissen sind aber die zwischenmenschlichen Erfahrungen und die Menschenkenntnis, die ich durch die ärztliche Tätigkeit und eine kleine psychotherapeutische Ausbildung erworben habe.


PS: Wie hast du einen Verlag für dein erstes Buch gefunden? Und wie ging es danach weiter?

RK: Bei den Sachbüchern war es ganz einfach, es bestand offenbar Bedarf. Das bedeutete, einen Verlag, höchstens zwei Verlage anzuschreiben und auf die Zusage warten.
Meinen ersten Krimi habe ich Diogenes geschickt und erwartet, der Verlag würde ebenso angetan sein, wie es meine Sachbuch-Verlage von den Manuskripten waren ...
Den Schillinger-Verlag für meinen ersten Krimi fand ich, weil ich die Schauplätze eher zufällig in einer namentlich genannten und treffend beschriebenen Stadt angesiedelt habe, nämlich in Freiburg. Der Boom der Regionalkrimis bahnte sich damals erst an und war mir nicht bekannt.
Ich habe abwechselnd mit den Krimis andere Bücher geschrieben, nämlich den literarischen Roman Der Pass, der im Himalaja spielt und in Rückblenden in die Zeit der RAF führt. Ein anderes Buch ist Die Schattenseite des Mondes, die das Leben einer an Schizophrenie erkrankten Malerin schildert. In beiden Fällen habe ich lange gesucht, bis ich die beiden renommierten Verlage (Rotbuch und Rowohlt) fand.


PS: Wie sieht dein (Schreib-)alltag aus und wie lange brauchst du, um ein Buch fertig zu schreiben?

RK: Ich habe mit meinem Umzug nach Freiburg im Frühjahr 2007 meine diversen Arbeitsverhältnisse gekündigt und habe jetzt mehr Zeit zum Schreiben. Wenn mich nicht Termine abhalten, schreibe ich täglich. Die Dauer richtet sich ganz danach, wie viel Zeit ich habe und wie lange es mir Spaß macht, meist sind es zwei bis vier gelegentlich auch mal sechs Stunden am Tag. Auch für die Uhrzeit gibt es keine festen Regeln. Für ein Buch brauche ich mindestens ein Jahr, auch deswegen, weil ich sehr viel an der Sprache feile.


PS: Wie gehst du bei der Planung eines neuen Buches vor?

RK: An erster Stelle steht die Entscheidung Krimi oder etwas anderes. Dann entsteht früher oder später in meinem Kopf eine Idee zur Handlung, die vielleicht auch wieder verworfen wird. In dieser Phase lese ich sehr viel über das geplante Thema. Wenn dann ein grobes Konzept und genügend Fachkenntnis vorhanden sind, beginne ich mit dem Schreiben. Die Einzelheiten entwickeln sich zum Teil erst aus den Handlungen der Personen.


PS: Gibt es bestimmte Rituale, die du beim Schreiben einhältst?

RK: Nein.


PS: Wo schreibst du (am liebsten)?

RK: Wo es schön und abwechslungsreich ist: In schöner Landschaft mit Handheld-Computer auf meinem Klappstühlchen, im ICE, sofern es nicht zu laut ist, zu Hause mit Blick in den Garten oder ins Kaminfeuer, in Cafés, natürlich auch am Schreibtisch, aber lieber schreibe ich woanders.


PS: Hast du ein bestimmtes Tagespensum oder setzt du dir bestimmte (Zwischen-)Ziele?

RK: Früher hatte ich das Ziel, 7000 Zeichen pro Woche zu schreiben, jetzt, wo ich mehr Zeit habe, sind mein Ziel 10.000 Zeichen. Dies ist kein Muss, aber der regelmäßige Vergleich von „Ist“ und „Soll“ bewahrt mich vor dem Gefühl, nicht voranzukommen und auch vor dem Gefühl, ich müsste jetzt eigentlich schreiben, wenn ich etwas anderes tue. 


PS: Wieviel und wie lange recherchierst du für ein Buch? Und wie gehst du dabei vor?

RK: Dies ist sehr unterschiedlich, je nach Thematik. Für den dritten Krimi, wo es um die gentechnische Umwandlung von relativen harmlosen Bakterien in die tödlichen Erreger der Pest geht, habe ich mit sehr vielen Leuten gesprochen, unter anderem habe ich einen Biowaffenexperten in Hamburg aufgesucht. Beim Vorgängerkrimi Die Tote von Turm spielen vor allem private Probleme von meinem Prof. Kilian eine Rolle, mit entsprechend geringerer Recherche. Die Orte, die ich beschreibe, suche ich immer auf, in letzterem Fall selbstverständlich die Spielbank in Baden-Baden. Für den Roman Der Pass habe ich den 5.500 Meter hohen Thorung-La selbst überschritten. Um die Die Schattenseite des Mondes zu schreiben, habe ich u.a. verschiedene Psychiatrische Kliniken besucht, viel über Schizophrenie gelesen und natürlich lange und ausführlich mit der Hauptperson gesprochen.
An wichtiger Stelle bei Recherchen steht das Internet, neuerdings auch Google Earth.


PS: Welche Reaktionen bekommst du von deinen Lesern?

RK: Man hört ja in der Regel nur Lob, was vielleicht nicht nur gut ist. Gelobt werden bei den Krimis Spannung, Sprache, der verschrobene Prof. Kilian und auch die liebevolle Einbindung der Stadt Freiburg. Bei der Schattenseite des Mondes ist es vor allem die einfühlsame Darstellung der Krankheit, die gelobt wird.
Kritik höre ich vor allem im Vorfeld von meinen privaten „Lektoren“, aber die bezieht sich meist auf Details.


PS: Was machst du, wenn du gerade keine Bücher schreibst?

RK: Cembalo spielen, Lesen, Vorträge ausarbeiten, mit VW-Bus und Mann verreisen und im Sommer vor allem im Garten arbeiten.


PS: Welchen Stellenwert haben Lesungen für dich und welche Erfahrungen hast du damit gemacht?

RK: Ich lese sehr gerne und es ist mir wichtig, das Publikum zu fesseln. Eine Lesung soll keine Veranstaltung sein, die sich der Zuhörer antut, weil er etwas für seine Bildung tun will. Eine regelmäßige Erfahrung ist, dass es nicht vorhersehbar ist, wie viele Zuhörer kommen. Die Zahl schwankte bei mir von mehreren Hundert, als eine Lesung in Karlsruhe in der Pathologie stattfinden sollte (erwartet hatte der Veranstalter zwanzig bis dreißig), und einem halben Dutzend in einem Wohnstift, wo man mir gute Besucherzahlen angekündigt hatte.


PS: Was ist dein größter Traum?

RK: Wenn ich genau in mich hinein höre, ist mein größter Traum nicht, einen Bestseller zu schreiben. Einerseits sind es nur ganz wenige Bücher, die sich von allen anderen herausheben und die Wahrscheinlichkeit, dass ich die glückliche Autorin bin, ist statistisch gesehen wahrscheinlich so gering wie ein Sechser im Lotto. Auch von dem träume ich nicht. Andererseits ist es mir für spezielle Gebiete schon mit mehreren Büchern gelungen, den Bestseller auf dem jeweiligen Gebiet zu schreiben, zum Beispiel mit der Schattenseite des Mondes, die über viele Monate die Nummer eins zum Thema Psychose bzw. Schizophrenie im deutschen Buchhandel war.
Ich träume hingegen davon, dass ich keine Mühe mehr habe, für Manuskripte mit neuen Themen oder aus einem anderen Genre als den bisherigen ohne Mühe einen renommierten Verlag zu finden und dass es ein großes Publikum gibt, das schon auf mein neues Buch wartet.


PS: Welchen Rat gibst du anderen, noch unbekannten Autoren?

RK: Wenn jemand davon träumt, ein Buch zu veröffentlichen, sollte er/sie sich selbst und vielleicht andere fragen, ob es tatsächlich Leser gibt, die sich für das Buch interessieren könnten. Auch sollte er das Manuskript kritischen Menschen zeigen, aber mit der festen Überzeugung, sich nicht entmutigen zu lassen. Wenn das Manuskript ganz fertig ist: Nicht müde werden bei der Verlagssuche. Auch kleine Verlage können ein guter Einstieg sein.


PS: Welche Bücher liest du derzeit am liebsten?

RK: Ich lese meist und auch jetzt parallel einerseits Krimis, andererseits anspruchsvolle Literatur. Augenblicklich lese ich Mord im Zeichen des Zen von Oliver Bottini, außerdem Also sprach Zarathustra und andere Werke von Nietzsche.

PS: Liebe Renate Klöppel, vielen Dank für dieses Interview!

Homepage von Renate Klöppel: www.renate-kloeppel.de

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