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Interview mit Rebecca Michéle im August 2009
Liebe Rebecca Michele,
du schreibst und veröffentlichst seit vielen Jahren Liebesromane, zum Teil auch unter dem Pseudonym Ricarda Martin. Zuletzt sind von dir erschienen:
Tochter der Schuld und Im Tal der Lügen
Petra Schier: Worum geht es (außer Liebe) in deinen Büchern?
Rebecca Michéle: In erster Linie um Geschichte, zum Teil auch um und über historische Personen. Vorrangig schreibe ich vor dem Hintergrund der englischen und schottischen Geschichte. Bisher habe ich nur einen Roman veröffentlicht, der als Hintergrund die Französische Revolution hatte, und alle geplanten Projekte werden wieder vor der Historie Englands spielen.
Dann natürlich starke Frauen, vom Schicksal stark gebeutelt, aber sie zerbrechen nicht daran, sondern gehen aufrecht und mutig ihren Weg.
Auch lasse ich immer mal wieder ein wenig kriminalistische Aspekte, wie z.B. Morde, in meine Handlungen einfließen, ohne jedoch „richtige“ Krimis zu schreiben.
PS: Warum schreibst du ausgerechnet Liebesromane? Wie bist du dazu gekommen?
RM: Meiner Meinung nach ist der Begriff „Liebesroman“ sehr weit gefächert. Eigentlich ist doch in jedem Unterhaltungsroman auch immer eine Liebesgeschichte verborgen – mal mehr, mal weniger. Deswegen habe ich mich nie bewusst entschieden, Liebesromane zu schreiben, sondern ich möchte nur spannende und interessante Handlungen schildern. Dazu gehört einfach auch eine Romanze oder auch mehrere, und für mich muss die Geschichte auch nicht zwingend ein klassisches Happy End haben.
PS: Schreibst du auch noch in anderen Genres?
RM: Die unter dem Pseudonym Ricarda Martin erschienen Romane werden vom Verlag als Frauen-/Familiensagas, und nicht als Liebesromane eingeordnet, obwohl durchaus eine oder mehrere Liebesgeschichten darin enthalten sind (siehe Punkt 2). Darum habe ich dafür auch einen anderen Namen. Bei dem Roman „Tochter der Schuld“ habe ich auch eine Rahmenhandlung gewählt, die in der Jetztzeit spielt, was nicht dem Genre des klassischen historischen Romans entspricht.
Ebenfalls geht es in beiden bisher erschienenen Romanen (und auch im nächsten Roman – so viel kann schon verraten werden) um ein Tötungsdelikt.
Zeitgenössisch schreibe ich nur im Rahmen von Kurzgeschichten, hier aber sehr unregelmäßig, wie es eben meine Zeit erlaubt. Einen umfangreichen Roman, dessen Handlung ausschließlich in der heutigen Zeit spielt, ist derzeit nicht geplant.
Unter dem Namen Rebecca Michéle bleibe ich dem Genre des historischen Liebesromans treu: Romantik, Spannung und Geschichte lautet hier der rote Faden.
In beiden Genres verbinde ich jedoch historische Ereignisse und auch historische Personen mit der fiktiven Handlung.
PS: Was ist dir an deinen Büchern besonders wichtig?
RM: Das sie sich natürlich gut verkaufen … lach …). Nein, im Ernst, das Schreiben muss mir einfach Spaß machen. Ich muss zu 100% hinter der Story und den Personen stehen und schreibe nur über Themen, die mir am Herzen liegen. Ein sehr wichtiger Aspekt ist mir die historische Genauigkeit. Auch wenn gerade im Bereich der so genannten Nackenbeißer die meisten Leser gar nicht so viel über historische Hintergründe wissen möchten, so recherchiere ich alles bis ins letzte Detail. Mich selbst stört es nämlich sehr, wenn in Romanen Daten und Fakten fehlerhaft sind, und es verdirbt mir die Freude am Lesen, auch wenn der Roman sonst gut ist.
Ebenfalls wichtig ist mir eine durchgehende, spannende Handlung, in der immer wieder etwas geschieht, und die Leser bis kurz vor Schluss nicht erahnen können, wie die Geschichte ausgeht. Das ist aber mein persönlicher Geschmack.
PS: Welche Reaktionen bekommst du von deinen Lesern?
RM: Wie jeder Autor/jede Autorinnen bleibe auch ich nicht von negativen Kritiken verschont, aber der größere Teil der Rezensionen sind positiv. Man kann eben nicht jeden Geschmack treffen. Konstruktiver Kritik gegenüber bin ich offen, denn nur wenn man diese annimmt und darüber nachdenkt, kann man sich verbessern.
Die Reaktion, die sich wie ein roter Faden bei jedem meiner Romane von den Lesern bekomme ist die, dass meine Bücher einen durchgängigen Spannungsaufbau haben, der es schwer macht, den Roman zur Seite zu legen.
PS: Wie hast du einen Verlag für dein erstes Buch gefunden? Und wie ging es danach weiter?
RM: Nachdem im Jahr 1995 mein erstes Manuskript fertig war und ich dachte, den könnte ich doch mal Verlagen anbieten, habe ich es natürlich zuerst bei all den großen Verlagen versucht – selbstredend, dass das Manuskript stets mit einer Standardabsage zurückkam. Dann las ich einen Roman über ein ähnliches Thema und wurde durch ihn auf einen kleinen, baden-württembergischen Verlag aufmerksam (damals hatte ich noch kein Internet, was die Suche nach einem Verlag heute natürlich deutlich vereinfacht). Ich schickte mein Manuskript also an den Eugen-Salzer-Verlag – und ich hatte Glück! Die Lektorin hatte gerade Zeit, einen Blick hineinzuwerfen und sowie Thematik und Schreibstil gefielen ihr. Ein Jahr später folgte dann in diesem Verlag mein zweiter Roman, doch dann wurde der Verlag aus Altersgründen geschlossen. Schnell fand ich mit meinem nächsten Manuskript einen neuen, ebenfalls kleinen Verlag, und dann kam der Kontakt zum Moments-Verlag in der area-Verlagsgruppe zustande, und ich begann, mit einer Agentin zusammen zu arbeiten. Im area-Verlag erschienen die nächsten fünf neuen Romane, und meine beiden Erstlingswerke wurden neu aufgelegt. Leider musste dieser Verlag im Jahr 2008 Insolvenz anmelden, aber bereits zuvor hatte ich einen Zwei-Buch-Vertrag mit Droemer Knaur geschlossen, so dass es für mich zum Glück nahtlos weiterging … und hoffentlich auch weitergehen wird, denn beim Knaur Verlag fühle ich mich wohl und ausgezeichnet betreut.
PS: Wie sieht dein (Schreib-)alltag aus und wie lange brauchst du, um ein Buch fertig zu schreiben?
RM: In der Regel schreibe ich von Montag bis Freitag, das Wochenende versuche ich, freizuhalten (was jedoch nicht immer gelingt). Mein Schreibtag beginnt durchschnittlich so gegen 10 Uhr, vorher helfe ich entweder im Tierheim, gehe ins Sportstudio, oder lese und beantworte Emails), und ich höre auf, wenn ich mein Tagespensum erfüllt habe.
Wie lange ich für ein ganzes Manuskript brauche, kann ich pauschal nicht sagen, denn die Texte sind zwischen ca. 400 und ca. 700 Normseiten lang. Es kommt auch immer darauf an, wie zeitintensiv die jeweilige Recherche ist. Einen Nackenbeißer kann ich in ca. 3 Monaten schreiben, für einen Ricarda-Martin-Roman benötige ich mindesten 6-8 Monate.
PS: Gibt es bestimmte Rituale, die du beim Schreiben einhältst?
RM: Ich wünschte, ich könnte es, aber ich bin kein Mensch für Rituale, da sich meine Tagesabläufe meistens kurzfristig anders gestalten, als von mir geplant. Einzig mein Handy bleibt, während ich schreibe, ausgeschaltet, und manchmal schaffe ich es, auch nicht ans Telefon zu gehen, wenn es auf dem Festnetz klingelt. Da meine Mutter jedoch pflegebedürftig ist, sollte ich telefonisch stets erreichbar sein.
PS: Wo schreibst du (am liebsten)?
RM: Tja, am liebsten würde ich immer an meinem Lieblingsort schreiben – einem Cottage auf den Klippen in Cornwall (Südwestengland), aber das ist mir, wenn überhaupt, nur 2-3 Wochen im Jahr möglich.
Ansonsten habe ich einen Stand-PC in einem kleinen Arbeitszimmer im ersten Stock unseres Hauses, aber auch einen Laptop, mit dem ich bei schönem Wetter im Garten sitze und schreibe.
PS: Hast du ein bestimmtes Tagespensum oder setzt du dir bestimmte (Zwischen-)Ziele?
RM: Wenn alles „normal“ läuft, heißt, wenn ich nicht krank bin oder sonstige unaufschiebbare Termine habe, ist es mein Ziel, 10 Normseiten pro Tag zu schreiben. Wenn es mehr werden, ist es auch gut, aber ich widme mich erst anderen Tätigkeiten, wenn diese 10 Seiten auf der Festplatte sind.
Da ich seit der Zusammenarbeit mit dem Knaur-Verlag Teilmanuskripte abliefere (immer so ca. 150–200 NS) kann ich im Vorfeld recht gut planen, wann ein Teil fertig zu sein hat.
PS: Wie viel und wie lange recherchierst du für ein Buch? Und wie gehst du dabei vor?
RM: Hier bin ich der glücklichen Situation, dass ich ausgiebig über England und britische Geschichte schreiben darf – und dieses Thema ist seit rund 35 Jahren mein Hobby. Seit 1984 reise ich mehrmals im Jahr nach England, Wales oder Schottland. Damit habe ich ein recht hohes Grundwissen, was Land und Leute angeht. Das historische Gerüst eines Romans – Politik, Herrscher, Kunst, Kultur, Nahrung, Kleidung usw. – brauche ich nicht extra intensiv zu recherchieren, wenn ich das Exposé entwickle. Dann recherchiere ich während des Schreibens immer die Stellen, an denen es notwendig ist. Ich versuche, alle Handlungsorte persönlich zu besuchen, was mir zum größten Teil auch bisher gelungen ist. Meisten jedoch bin ich zuerst in einer Gegend/einer Landschaft, und dann kommt mir die Idee, über diese zu schreiben.
PS: Welchen Stellenwert haben Lesungen für dich und welche Erfahrungen hast du damit gemacht?
RM: Lesungen sind für mich etwas ganz Besonders, denn ich liebe und schätze den Kontakt mit meinen Lesern. Gerne würde ich viel mehr Lesungen machen, als dass ich Angebote erhalte. Bei einer Lesung bekommt man ein direktes Feedback von den Zuhörern – egal, ob positiv oder negativ. Es macht mir Freude, Passagen aus meinen Roman vorstellen zu dürfen, und ich versuche, diese wie eine Art kleines Theaterstück wirken zu lassen und nicht nur trocken herunter zu lesen.
Sehr gute Erfahrungen habe ich mit der Einbindung einer Diashow (bzw. heute geht es ja über mit Digitalfotos über einen Beamer) über die Handlungsorte gemacht. Cornwall und Schottland kommen immer sehr gut an, und oft schon hat ein Mann seine Frau zu einer Lesung nur aus dem Grund begleitet, um die Fotos zu sehen. Schlussendlich haben den Herren die Textpassagen dann aber auch gefallen ...lächel...)
PS: Was machst du, wenn du gerade nicht an einem Buch schreibst?
RM: Oh, eigentlich habe ich für eine Autorin viel zu viele Hobbys … An erster Stelle steht hier natürlich der Turniertanzsport, den ich inzwischen seit 24 Jahren betreibe, die letzten 12 Jahre gemeinsam mit meinem Mann. Im Durchschnitt trainieren wir 3-4 Mal in der Woche jeweils 2-3 Stunden. Am Wochenende sind wir dann oft bei Turnieren. Weiter unterrichte ich Tanzen an einem Abend in der Woche. Auch sonst bewege ich mich viel – 1-2 Mal in der Woche gehe ich ins Fitnessstudio oder im Sommer fahre ich viel Fahrrad und gehe gern Schwimmen.
Weiter helfe ich ehrenamtlich 2-4 Mal in der Woche im Städtischen Tierheim im Bereich der Katzenhilfe, da ich diese Tiere sehr liebe. Meine Arbeit dort ist zwar gering, aber auch ein bisschen trägt dazu bei, das Leid der Katzen im Tierheim zu verbessern.
In unregelmäßigen Abständen organisiere und leite ich Reisen nach Großbritannien und Irland. Das bedeutet auch immer wieder einiges an Arbeit, die mir jedoch sehr viel Spaß macht.
Bei dem allem bleibt mir dann aber doch noch die Zeit, um zu lesen, Freunde zu treffen oder einfach mal Musik zu hören und dabei die Seele baumeln zu lassen.
PS: Was ist dein größter Traum?
RM: Das ist schnell beantwortet: Ein eigenes Cottages in Cornwall, um – zumindest für einige Monate im Jahr – dort zu leben und zu schreiben.
Noch wichtiger ist mir jedoch, gesund und fit zu bleiben, denn was nützt der schönste Traum, wenn eine schwere Krankheit ihn zunichte macht?
PS: Welchen Rat gibst du anderen, noch unbekannten Autoren?
RM: Schreiben, schreiben, schreiben und nochmals schreiben! Wenn Verlage oder Agenturen die Werke ablehnen, dann nicht aufgeben, sondern sich an die nächste Idee setzen, denn mit jedem Text wird man besser. Dabei sollte man gegenüber Kritik offen sein, sofern man sie nachvollziehen kann und sich dabei selbst treu bleiben kann.
Den Ausspruch „Schreiben ist zu 80% Inspiration, und zu 20% Transpiration“ unterstreiche ich zu 100%! Ein Autor muss sich stets in Geduld üben, konsequent seinen Weg verfolgen und gewissenhaft arbeiten.
Von der Idee, als Schriftsteller schnell reich und berühmt werden zu können, sollte man sich jedoch verabschieden …lächel…)
PS: Welche Bücher liest du derzeit am liebsten?
RM: Während ich in den letzten Jahre so ziemlich alles, was es im Bereich „Historischer Roman“ auf dem Markt gab, verschlungen habe, bin ich derzeit davon etwas übersättigt. Anfang des Jahres habe ich die englische Schriftstellerin Judith Lennox entdeckt – derzeit lese ich in Folge den siebten Roman von ihr und bin von den Handlungen und der Schreibweise total begeistert.
Immer gerne lese ich auch die Romane von Charlotte Link und von Petra Durst-Benning.
PS: Liebe Rebecca Michéle, vielen Dank für dieses Interview!
Internetsetie der Autorin: www.rebecca-michele.de
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