Petra Schier

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Interview mit Dr. Michael Kibler im Februar 2008

Michael Kibler, geb. 1963, studierte Germanistik in Frankfurt. Magister 1991, Promotion 1998. Seit 1992 der schreibenden Zunft zugehörig, zunächst als Autor von Groschenromanen bei Bastei. Ab 1997 zusätzlich in PR und Marketing. Ab 2002 freiberuflich Texter, PR-Profi – und Krimischriftsteller.

Bisher zwei Kriminalromane, die alle in seiner Wahlheimat Darmstadt spielen: „Madonnenkinder“, 2005 und „Zarengold“, 2007. „Rosengrab“ erscheint ebenfalls bei Piper im Oktober 2008.

Petra Schier: Lieber Michael Kibler, bislang sind zwei Darmstadt-Krimis von dir erschienen: Madonnenkinder und Zarengold
Worum geht es in deinen Büchern und wer sind die Protagonisten?

Michael Kibler: Beide Bücher haben historische Bezüge. „Madonnenkinder“ waren Kinder aus Darmstadt, die nach dem zweiten Weltkrieg zum „Aufpäppeln“ für vier Wochen in die Schweiz geschickt wurden. In „Zarengold“ gehe ich auf die Geschichte der Schwester des letzten Großherzog von Hessen ein: Sie war die Frau des letzen Zaren von Russland. Meine Morde geschehen im Darmstadt der Gegenwart – aber die Gründe dafür liegen immer weit zurück. Margot Hesgart und ihr Kollege Steffen Horndeich von der Darmstädter Mordkommission ermitteln – bislang immer erfolgreich.
;-)


PS: Warum schreibst du ausgerechnet Krimis? Wie bist du dazu gekommen?

MK: Nun, ich habe schon als Junge immer lieber Tatort und Derrick geschaut als Pilcher ;-). Ich mag an Krimis das Rätsel. Und die verborgene Geschichte, die es ans Tageslicht zu holen gilt. Im Krimi spiegeln sich alle Facetten menschlichen Glücks und Leids. Deshalb ist es für mich eine interessante Gattung.


PS: Deine Bücher sind in Darmstadt angesiedelt. Was reizt dich besonders an dieser Stadt als Krimi-Schauplatz?

MK: Zum einen: Es ist – ganz subjektiv – die schönste Stadt der Welt. Das sage ich wahrscheinlich, weil ich hier verwurzelt bin. Darmstadt hat sehr schöne Ecken, auch sehr geschichtsträchtige, wie etwa die Mathildenhöhe, Zentrum des deutschen Jugendstil. Aber die Stadt hat viele Geheimnisse, in Hinterhöfen, in Kellern. Ich versuche ihren Geheimnissen auf die Spur zu kommen.


PS: Was ist dir an deinen Büchern besonders wichtig?

MK: Die Mischung aus Krimi und persönlicher Entwicklung meiner Personen. Denn mein Team ist nicht nur Fragesteller. Die Fälle führen auch immer dazu, dass sie ihre eignen Positionen hinterfragen müssen und am Ende des Buches nicht mehr ganz dieselben sind wie zu Beginn. Auch ganz, ganz wichtig: Humor.


PS: Welche Reaktionen bekommst du von deinen Lesern?

MK: Die Darmstädter Leser erzählen mir, dass sie es schön finden, in meinen Büchern „mitlaufen“ zu können und ab und zu sogar noch etwas Neues über die Stadt zu erfahren. Wichtig sind mir aber auch die Reaktionen von Nicht-Darmstädtern. Sie können zwar nicht auf dem imaginären Stadtplan wandeln, finden aber die Krimihandlung gut.


PS: Wie hast du einen Verlag für dein erstes Buch gefunden? Und wie ging es danach weiter?

MK: Ich habe dem Societätsverlag, einem Frankfurter Verlag für Regionalia, ein – ausführliches – Expose für einen Darmstadtkrimi geschickt. Dem Verlag hat meine Schreibe gefallen, aber die Geschichte war ihnen zu wenig darmstadtspezifisch. Also neues Thema suchen, finden, ausarbeiteten. Das war dann ein Treffer: Ich bekam einen Vertrag für „Madonnenkinder“. Der Piper-Verlag in München ist auf das Buch aufmerksam geworden – so ist „Zarengold“ dann dort erschienen. Derzeit arbeite ich an „Rosengrab“, der im Oktober 2008 ebenfalls bei Piper erscheinen wird. 


PS: Wie sieht dein (Schreib-)alltag aus und wie lange brauchst du, um ein Buch fertig zu schreiben?

MK: Ein Buch, ein Jahr. So in etwa. Davon entfallen zwei Drittel auf Recherche und Entwicklung der Story, ein Drittel auf das Schreiben des Textes. Der Schreiballtag ist nicht festgelegt. Mal geht es morgens besser, mal Abends, mal gar nicht. Das ist das Schöne und das Vertrackte an der freien Zeiteinteilung: Man kann sie sich einteilen. Aber man muss sie sich auch einteilen.


PS: Wie gehst du bei der Planung eines neuen Buches vor?

MK: Ich versuche, ein interessante Themen zu finden. Wenn ich eines habe, entwickeln sich daraus Fragen. Warum liegt dort eine Leiche? Warum handelt Person XY in dieser Situation so und nicht anders. Daraus ergeben sich Bruchstücke der Geschichte, Puzzleteile, die dann an einigen Ecken zusammengesetzt schon ein Stück Bild zeigen. Fertig ist die Geschichte, wenn es a) keine offenen Fragen mehr gibt und b) klar ist, wann die Kommissare welche Information wie und warum erhalten.


PS: Gibt es bestimmte Rituale, die du beim Schreiben einhältst?

MK: Keine sturen. Aber was eigentlich immer auf dem Tisch steht, wenn ich schreibe, ist eine Kanne Tee. Manchmal gibt es Musik, manchmal nicht. Und wenn ich an einer Stelle festhänge, hilft am besten ein heißes Bad. ;-)


PS: Wo schreibst du (am liebsten)?

MK: An meinem Schreibtisch. Oder in meiner Lieblingskneipe, dem Pueblo. Dort gibt es einen kleinen, schmuckeligen Tisch in einer Ecke, dort kann ich wunderbar auf dem Laptop schreiben.


PS: Hast du ein bestimmtes Tagespensum oder setzt du dir bestimmte (Zwischen-)Ziele?

MK: In der Phase nach der Recherche, wenn ich das Buch schreibe, habe ich einen Abgabetermin und eine Seitenzahl. Seitenzahl geteilt durch Tage minus Korrekturphase = Tagespensum. Das habe ich zumindest immer im Kopf. Und halte Termine auch ein. Auch wenn’s gegen Ende dann mal ein bisschen stressiger werden kann. ;-)


PS: Wieviel und wie lange recherchierst du für ein Buch? Und wie gehst du dabei vor?

MK: Recherche dauert lang – und lässt sich vom Entwickeln der Geschichte nicht trennen. Bei der Arbeit an einem konkreten Buch kostet das, wie gesagt, etwa zwei Drittel der Zeit. Ich lese viele Bücher über Darmstadt, gehe in Archive. Spreche mit der Polizei oder anderen Experten. Da bin ich Perfektionist. Das Ergebnis ist ein Exposé, in dem das ganze Buch schon vorhanden ist, mit allen in Szenen in der richtigen Reihenfolge. Danach muss ich es „nur noch“ schreiben.


PS: Du arbeitest gleichzeitig auch als Texter. Wie beeinflusst das deine Arbeit als Krimi-Autor?

MK: In Texten für Kunden müssen alle Fakten dreimal überprüft werden – das färbt auch aufs Krimischreiben ab. Außerdem muss ich als Texter immer wieder in ganz neue Wissensgebiete eindringen – da lerne ich oft etwas, was ich dann auch in einen Krimi einbringen kann. Umgekehrt gibt es auch Berührungspunkte: Jeder gute Text sollte eine Geschichte erzählen. Manchmal sind die Themen trockener. Was aber nichts am Anspruch ändert.


PS: Du hast früher für den Bastei-Verlag Groschenromane geschrieben. Wirkt sich das heute noch auf dein (schriftstellerisches) Leben aus? Wie denkst du heute rückblickend darüber?

MK: Damals habe ich gelernt, mich nicht zu verzetteln. Also erst schreiben und dann korrigieren. Die Groschenromane entstanden oft unter großem Zeitdruck: Wenn man bis Ende der Woche das Skript fertig hatte, konnte man zwei Wochen später die Miete bezahlen. Da konnte man nicht tagelang über eine Formulierung nachdenken, wenn noch vierzig Seiten zu schreiben waren. Selbstverständlich werden meine Bücher viel mehr geschliffen als die Romane damals. Aber ich habe gelernt, dass jede Korrektur erst Sinn macht, wenn das erste Mal „Ende“ geschrieben wurde.


PS: Welchen Stellenwert haben Lesungen für dich und welche Erfahrungen hast du damit gemacht?

MK: Ich lese sehr gern – und ich glaube, auch nicht ganz schlecht. Wobei das eine mit dem anderen kaum was zu tun hat: Die wenigsten Regisseure arbeiten auch als Schauspieler ;-). Bei einer Lesung bin ich quasi Entertainer, muss das Publikum fesseln. Es ist ein tolles Gefühl, wenn das gelingt. Ich schätze auch die „Fragestunde“ danach. Oft fallen Fragen, die ich mir so noch nie gestellt habe. Da lerne ich dann noch etwas über mein eigens Tun.


PS: Was ist dein größter Traum?

MK: Schriftstellerisch: Vom Schreiben meiner Bücher leben zu können.


PS: Dein drittes Standbein ist die Tätigkeit als Dozent im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Gibt es Erfahrungen und Erkenntnisse aus diesem Bereich, die du selbst in besonderem Maße umsetzt und anderen Autoren empfehlen kannst?

MK: Jeder, der etwas verkaufen möchte, muss aktiv Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Das gilt auch für Autoren. Das fängt bei der Internet-Seite an und hört bei einem Interview noch lange nicht auf.


PS: Welchen Rat gibst du anderen, noch unbekannten Autoren?

MK: Schreiben. Verlage und Agenten kennen lernen. Absage kassieren. Trotzdem Weiterschreiben. Das klingt trivial. Ändert aber nichts am Wahrheitsgehalt. Und:
Ideen für Geschichten auf zwei bis drei Seiten formulieren. Wenn dann ein Agent oder Verlag Interesse zeigt, hat man selbst was zu zeigen.


PS: Welche Bücher liest du derzeit am liebsten?

MK: Krimis ;-). James Ellroy, früher viel Stephen King. Derzeit: Karen Slaughter, Kathy Reichs, Wolfgang Burger, Henrike Heiland. Aber mein allerliebstes Lieblingsbuch ist „Die Sturmhöhe“ von Emily Bronte. Es ist das einzige, dass ich immer wieder mal lese.


PS: Lieber Michael Kibler, vielen Dank für das Interview!

Homepage von Dr. Michael Kibler: www.mkibler.de

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