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Petra Schier: Lieber Marcel Feige, in diesem Jahr ist u. a. dein Thriller Wut bei Goldmann erschienen. Worum geht es in diesem Buch?
Marcel Feige: Hm, es fällt mir nicht leicht, diese Frage zu beantworten. Denn "Wut" funktioniert meines Erachtens auf mehreren Ebenen. Einerseits ist es ein Thriller, in dem ein vermeintlicher Serienkiller im Untergrund von Berlin, in den U- und S-Bahnstationen, sein Unwesen treibt. Erst deutet für Kommissar Kalkbrenner alles aufs Rotlichtmilieu hin. Dann aber gibt es Verbindungen zum Umweltgipfel, der in Berlin ausgerichtet wird und unzählige Sicherheitsmassnahmen erforderlich macht, auch weil der US-Präsident sein Kommen angekündigt hat. Dies wirkt sich wiederum auf die Arbeit meines Ermittlers Kalkbrenner aus. Dieser hat wiederum ganz eigene Probleme, mit seiner Tochter, seiner Ehefrau und seiner Mutter, die schwer krank ist ... Andererseits ist "Wut" ein Gesellschaftsroman, wenn ich das mal einfach so sagen darf. Denn da ist noch Leif, ein junger Student, ein Lebemensch, der von Party zu Party springt, das Berliner Nachtleben genießt. Das wiederum wird für ihn zum Problem, als er mit den Drogen seiner Freundin erwischt wird und zur Strafe Sozialstunden ableisten muss. Diese führen ihn in die ungezählten Tunnel und Bunker unter der Stadt, wo inzwischen die Obdachlosen hausieren. Leif offenbart sich eine erschütternde Welt, durchaus realistisch angesichts der sozialen Probleme, die Berlin hat. Und das ist der Punkt, an dem sich beide Handlungsebenen begegnen ...
PS: Warum schreibst du ausgerechnet Krimis bzw. Thriller? Wie bist du dazu gekommen?
MF: Ich habe schon immer gerne Krimis und Thriller gelesen, zuletzt insbesondere von James Patterson oder Harlan Corben. Auch Michael Connelly gehört zu meinen Favoriten. Mich fasziniert die Spannung, die die Autoren mit ihren Geschichten aufbauen, mit jenem blutigen Schrecken, der quasi in unserer Nachbarschaft lauert. Wenn man dann, wie ich, in einer Stadt wie Berlin lebt, so groß, so unüberschaubar, so urban, so düster, dann bleibt einem ja fast nichts anderes übrig, als ebenfalls Krimis und Thriller zu schreiben ... Nein, ernsthaft: Es macht Spaß, dieses Spiel mit dem Was-wäre-wenn, mit dem realistischen Mord und Totschlag in einer Stadt wie Berlin ...
PS: Du schreibst auch Sachbücher. Welche Themen sind dir dabei besonders wichtig?
MF: Ich sage immer: urbane Themen. Oder Themen, die gewisse Szenen oder Subkulturen behandeln. So habe ich Bücher über den Musikstil Techno geschrieben (deren Szene ich seit mehr als 12 Jahren angehöre), eine Biografie über den Rapper Sido, eine Biografie über die Punk-Diva Nina Hagen, sehr viele Sachbücher über Tattoos und Piercings, über Prostitution, über SM und allgemein Erotik. Aktuell recherchiere ich an einem Buch über die Pornobranche – viele bekannte Akteure, Regisseure und Firmen sind in Berlin beheimatet.
PS: Du bezeichnest dich selbst als extrem. Was bedeutet das?
MF: Ich versuche mein Leben nicht unbedingt "normal" zu leben, wobei der Begriff "normal" immer auch subjektiv ist ... Aber ich selbst lebe viele der Themen, über die ich schreibe. Wer sich auf meiner Website (www.Marcel-Feige.de) umschaut, wird schnell feststellen, dass ich eine große Affinität zu Techno, Tattoos, Piercings, Erotik, SM habe. Und dass ich keinerlei Scheu habe, dies zuzugeben. Und gerade weil ich diese Themen selbst er- und auslebe, sind meine Bücher glaubhaft. Authentisch. Das merken die Leser.
PS: Welche Reaktionen bekommst du von deinen Lesern?
MF: Ausnahmslos positiv - eben weil der Leser weiß, dass ich nicht einfach nur ein Journalist bin, der sich (mit Anzug und Krawatte) mal mit einem Szene-Thema befasst, sondern grundsätzlich aus langjähriger, eigener Erfahrung weiß, worüber ich schreibe.
PS: Du hast die „Corine - internationalen Buchpreis 2003“ für dein Sachbuch Nina Hagen. That’s Why The Lady Is A Punk erhalten. Hat dies dein (schriftstellerisches) Leben irgendwie beeinflusst?
MF: Nee. Es hat mich zwar gefreut, dass ich diesen renommierten Preis erhalten habe, weil es sicherlich auch eine Anerkennung für 14 sehr harte Monate Arbeit an dem Nina Hagen-Buch war, weil es bestimmt auch mein Renommee als Autor gehoben hat, aber er hat mein Leben nicht verändert.
Mal ehrlich: Der Preis wird jedes Jahr nur an bereits ausnahmslos megaerfolgreiche Belletristik-Autoren wie Ken Follett, Frank Schätzing, Donna Leon oder Cornelia Funke vergeben, ist daher auch nicht mit einem Preisgeld dotiert, weil sie's – zu Recht – nicht mehr nötig haben.
Ich glaube, ich war und bin bisher der einzige Preisträger der Corine, der zum Zeitpunkt der Preisvergabe (und auch nachher) der breiten Masse eher unbekannt war, weil er eben noch keine Unmengen an Bücher verkauft hatte. Ein Preisgeld wäre für mich daher durchaus eine nette Dreingabe gewesen, das gebe ich ganz offen zu. Aber andererseits will ich auch nicht klagen: Ich habe viele nette Menschen kennen gelernt, wie zum Beispiel Ken Follett, Nadime Gordimer, Cornelia Funke, ich habe auf der After-Show-Party sogar eine Runde mit Donna Leon getanzt – wer kann das schon von sich behaupten?
PS: Wie hast du einen Verlag für dein erstes Buch gefunden? Und wie ging es danach weiter?
MF: Nun, einen Verlag habe ich für mein erstes Buch recht einfach gefunden: ein Exposee eingeschickt, der Verlag war begeistert, der Vertrag wurde aufgesetzt. Das war mein erstes Sachbuch vor elf Jahren. Danach ging es Schlag auf Schlag. Was sicherlich auch daran lag, dass ich bei einem damals recht überschaubaren Independent-Verlag gelandet war – dem Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag. Der ist mit den Jahren gewachsen, und ich mit ihm. Ich glaube das und die Erfahrung, die ich über die Jahre habe sammeln können, auch die schriftstellerische Schreibpraxis (vor meinem ersten Buch war ich 10 Jahre als Journalist und Redakteur unterwegs gewesen), trugen dazu bei, dass ich dann vor drei Jahren ziemlich schnell mit meinem ersten Romanexposee einen Literaturagenten fand. Dieser brachte "Wut" ebenso schnell an den Goldmann Verlag.
PS: Wie sieht dein (Schreib-)alltag aus und wie lange brauchst du, um ein Buch fertig zu schreiben?
MF: Mein Alltag ist als freischaffender Autor sehr frei und dennoch von einer gewissen Routine geprägt. Meist stehe ich gegen 10 Uhr auf, gehe mit Badiva, meiner Eurasier-Hündin, knapp anderthalb Stunden durch den Plänterwald an der Spree spazieren, mache mir dabei kreative Gedanken über das jeweils aktuelle Projekt, an dem ich arbeite. Anschließend gibt's Frühstück, ich lese Zeitung, werte Onlinemedien und Mails aus. Gegen 14 Uhr beginnt dann das Schreiben (oder Recherchieren). Meist schreibe, recherchiere, telefoniere ich dann bis abends um 22 oder 23 Uhr (unterbrochen von einer weiteren Runde mit Badiva). Wenn ich an einem Roman arbeite, kann ich mich meist nicht davon lösen, dann stecke ich in der Geschichte, arbeite bis nachts um 4 oder 5 ... Die Wochenenden versuche ich mir freizuhalten. Mal (bei Sachbüchern) gelingt es mehr, mal (bei Romanen) weniger ...
PS: Wie gehst du bei der Planung eines neuen Buches vor?
MF: Am Anfang habe ich eine Idee, egal ob Sachbuch oder Roman. Aus der Idee wird ein roter Faden, ein Konzept, ein Exposee, das Inhalt und Ablauf des Buchs, die Kapitel, die Handlungsebenen, einfach alles bis ins allerletzte Detail klärt. Das ist ein Prozess, der meist ein, zwei Monate dauert. Ich könnte niemals einfach so drauf los schreiben. Diese Ungewissheit behagt mir nicht. Ich muss wissen, was in jedem Kapitel geschieht, wer der Mörder ist, wie er zur Strecke gebracht wird oder warum nicht ...
PS: Gibt es bestimmte Rituale, die du beim Schreiben einhältst?
MF: Ja. Wenn alles wie in meiner Antwort zuvor geklärt ist, wenn jedes einzelne Kapitel inhaltlich ausgearbeitet ist, beginne ich zu schreiben – reines Handwerk. Beim Sachbuch ganz einfach: von Anfang bis ans Ende, so wie es das Konzept vorsieht, gemäß meiner Informationen, die ich recherchiert habe.
Beim Roman befolge ich strikt ein Ritual: Jede Handlungsebene schreibe ich für sich alleine, und zwar nacheinander. Erst schreibe ich die Erlebnisse meiner Hauptfigur von Anfang bis Ende, dann die der Nebenfigur 1, dann die der Nebenfigur 2, schließlich die der Nebenfigur 3 usw. Wenn jede Handlungsebene fertig geschrieben ist, füge ich ihre Kapitel in ein Dokument zusammen – jetzt beginnt das große Feilen.
PS: Wo schreibst du (am liebsten)?
MF: Zu Hause, an meinem iMac ... Ich bewundere Autoren, die unterwegs im Zug, Flugzeug oder Hotel schreiben können. Ich muss beim Schreiben in vertrauter Umgebung sein, in meinem Arbeitszimmer, vor meinem Computer, in Ruhe und abgeschieden fern jeglicher Störungen ...
PS: Hast du ein bestimmtes Tagespensum oder setzt du dir bestimmte (Zwischen-)Ziele?
MF: Nein, kein Pensum, kein Ziel. Meist nur ein Erscheinungstermin, dementsprechend ein Abgabetermin für das Manuskript – daraus ergibt sich dann das entsprechende Pensum von selbst ...
PS: Wieviel und wie lange recherchierst du für ein Buch? Und wie gehst du dabei vor?
MF: Das hängt davon ab, worüber ich schreibe. Wenn ich Bücher über Themen verfasse, die mir liegen, zu denen ich eine Affinität habe, dann entfällt im Prinzip die umfangreiche Recherche.
Zum Beispiel "Gier", mein neuer Goldmann-Thriller, der im Juli erscheint: Es geht um Berlin (natürlich), um Jugendkriminalität, Gewalt an Schulen, vor allem aber auch ums Rotlichtmilieu. Da ich bereits vier Sachbücher zu Thema Prostitution veröffentlicht habe, brauchte ich mich nicht mehr sonderlich um Recherche bemühen. Ich kannte mich mit dem Thema aus.
Die Recherche für die Sachbücher wiederum war damals sehr aufwendig. Bis zu sechs Monate, die geprägt waren von sehr vielen Gesprächen mit Prostituierten, Zuhältern, Sozialarbeitern, Hurenrechtlerinnen, Vereinen und Verbänden – also dem direkten Kontakt mit den Menschen, die in der jeweiligen Szene, der Branche, dem Milieu aktiv sind, über das ich schreibe ...
PS: Welchen Stellenwert haben Lesungen für dich und welche Erfahrungen hast du damit gemacht?
MF: Lesungen sind der direkte Kontakt zum Leser. Sie machen Spaß, weil man die Resonanz seiner Leser persönlich erfährt. Es ergeben sich nette Gespräche, manchmal wichtige Hinweise oder Ideen ... Insofern: hoher Stellenwert!
PS: Was ist dein größter Traum?
MF: Hm, schwere Frage ... und eigentlich ganz einfach zu beantworten. Denn eigentlich habe ich mir meinen größten Traum schon vor elf Jahren erfüllt: Ich arbeite seitdem als Schriftsteller, ich schreibe Bücher.
Davon habe ich schon als kleiner Junge geträumt, als ich abends im Bett lag und Bücher von Karl May oder Agatha Christie verschlungen habe. Ich wollte auch immer so schreiben können wie sie.
Nun, heute mache ich es. Ich schreibe Romane. Und ich schreibe Sachbücher. Beides möchte ich nicht missen. Letztlich bringt mir die Recherche für Sachbücher viele Themen und Informationen nahe, die mir in meinen Romane sehr dienlich sind. Das eine ergänzt das andere. Und dass die Sachbücher sich auch noch mit Themen beschäftigen, die mir selbst großen Spaß bereiten, na, was will man mehr?
Okay, vielleicht möchte ich mal einen mittelschweren Bestseller schreiben, der mich ein bisschen entspannter in die Zukunft blicken lässt. Ja, das wäre schön. Aber ansonsten bin ich glücklich. Ich verdiene mein Geld mit einer Arbeit, die mir Spaß bereitet, die mich erfüllt, mit der ich mich selbst verwirklicht habe, die mein Kindheitstraum ist. Das ist doch schon wie ein Traum, oder?
PS: Welchen Rat gibst du anderen, noch unbekannten Autoren?
MF: Schreiben. Schreiben. Schreiben. Nur durchs Schreiben lernt man das Schreiben. Und die Augen offen halten. Wie schreiben andere Autoren? Wie entwickeln sie Spannung? Wie konzipieren sie eine Geschichte? Nur so habe ich das Bücherschreiben gelernt.
PS: Welche Bücher liest du derzeit am liebsten?
MF: Wenn ich die Zeit dafür finde, dann lese ich gerne Bücher von Michael Connelly, Harlan Corben und James Patterson (insbesondere dessen Alex Cross-Romane). Diese drei Autoren haben's für mich einfach drauf.
PS: Lieber Marcel Feige, vielen Dank für dieses interview!
Homepage von Marcel Feige: www.marcel-feige.de
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