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Petra Schier: Lieber Manfred Wieninger, von dir sind bereits vier Krimis mit dem ehemaligen Polizisten und nunmehrigen Privatdetektiv Marek Miert erschienen, zuletzt im Jahr 2007 der dritte Marek-Miert-Krimi Der Engel der letzten Stunde als Taschenbuch beim Züricher Unionsverlag. Nun bringst du im Februar 2008 mit Rostige Flügel deinen fünften Marek-Miert-Krimi im Haymon Verlag – Innsbruck, Wien heraus. Worum geht es in dem Krimi?
Manfred Wieninger: Ich könnte jetzt eine seitenlange Summary aus der Schublade hervorzaubern, in der alle Handlungsfäden zu einem sauberen, subtilen Gewebe verknüpft sind, aber im Prinzip geht es einfach um Moral, Freundschaft und Verrat. Marek Miert, der Harlander Diskont-Detektiv, ist auch in seinem fünften Abenteuer im Wesentlichen der gewohnt cholerische, übergewichtige und (selbst-)ironische Moralist, dessen einzige Waffe und Macht seine bissige, ironische Sprache ist, was ihm in der Regel das Berufsleben nicht gerade erleichtert. Nüchtern-rational betrachtet scheitert Miert in Rostige Flügel als Detektiv wieder einmal auf der ganzen Linie und hat am Schluss des Buches nichts vorzuweisen als seine moralische Integrität, die noch dazu zunehmend lädiert erscheint. Subjektiv-poetisch gesehen gelingt es Miert aber, ein Licht anzuzünden in einer Welt, die sich immer mehr verdunkelt. Alles in allem, so hoffe ich, eine spannende, originelle, vielleicht auch poetische Geschichte voll Witz, Ironie und tieferer Bedeutung, erzählt aus der Perspektive eines Außenseiters. Ein zutiefst österreichischer Krimi für intelligente Leserinnen und Leser.
PS: Warum schreibst du ausgerechnet Krimis und wie bist du auf deinen Protagonisten gekommen?
MW: So genau weiß ich das eigentlich nicht mehr, offenbar hat mich irgend etwas zu diesem Genre hingezogen. Es sind ja viele der Entscheidungen, die man im Leben fällt, rational nicht begründbar, jedenfalls nicht wirklich oder höchstens scheinbegründbar, sprich, man belügt sich post festum einfach selbst. Mein Protagonist Marek Miert ist jedenfalls langsam in meinem Kopf herangewachsen, bis er ein genügend großer Lackel war, um seine Abenteuer zu bestehen. Manchmal denke ich, ich bin nur zum Schreiben auf die Welt gekommen, auch wenn das eigentlich furchtbar wäre. Meine Affinität zu Krimis ist aber vielleicht nicht tiefer begründbar als die Affinität anderer zu Heidelbeerjoghurt, brasilianischen Zigarren oder zum Paragliden.
PS: Was ist dir an deinen Büchern besonders wichtig?
MW: Ich sehe die Marek-Miert-Reihe in gewisser Weise als Gegenpol zum zeitgenössischen, quasi technokratisch-naturwissenschaftlichen Krimi-Mainstream, besonders im angloamerikanischen Raum. Anfangs habe ich mir den Erfolg ganz und gar nicht träumen lassen, da die Miert-Romane aus ihrer inneren Logik heraus das Krimi-Genre ja sozusagen gegen den Strich bürsten und sich gegen eine ganze Reihe der zwar ungeschriebenen, aber von Verlagen und vielen Lesern trotzdem relativ rigide eingeforderten Krimi-Regeln ‚vergehen’. Zum Beispiel gilt seit Agatha Christie mehr oder weniger unumstößlich, dass der Täter am Schluss des Buches (kraft der überragenden, kombinatorischen Intelligenz des Helden, der Heldin = heute der labortechnischen Potenz der Polizei, des CSI usw.) entlarvt, gefangen oder getötet und damit so oder so der finalen Gerechtigkeit zugeführt werden muss. In den Miert-Romanen kommen die Schurken aber praktisch immer davon, und wenn doch einmal so etwas wie Gerechtigkeit hergestellt werden kann, dann ist dieser - höchst kursorische - Zustand bestenfalls ein Ergebnis von Zufällen und Dummheit, von Irrwitz und Intrigen usw. Weiter verweigern sich die Miert-Romane konsequent dem geradezu ikonographischen Starkult, der mit Serienmördern getrieben wird, und der massiv vorherrschenden Tendenz, (Schwer-)Verbrechen nur mehr aus medizinisch-forensischer und medizinisch-psychologischer Sicht darzustellen. Ich halte nichts davon, als Laie pathologisch-forensische Abhandlungen zu schreiben und die als Krimis auszugeben. Last but not least sind viele der aktuellen Krimis sprachlich derart erschreckend simpel gestrickt, dass es mich auch da dazu drängt, mich entschieden abzuheben.
PS: Wie hast du einen Verlag für dein erstes Buch gefunden? Und wie ging es danach weiter?
MW: Ad 1: Auf die harte Tour, ich musste halt, weil ich keinerlei Kontakte zu niemandem hatte, die sogenannte Ochsentour nehmen. Das heißt, ich habe mein Manuskript – es war der erste Marek-Miert-Roman mit dem Titel „Der dreizehnte Mann“ – an 83 Verlage geschickt. Das hat fast eineinhalb Jahre gedauert. Ad 2: Wenn man einmal einen Fuß im Geschäft hat, geht es immer irgendwie weiter. Literatur ist zu 80% Sitzfleisch, die restlichen je 10% sind Glück und Inspiration.
PS: Wie sieht dein (Schreib-)alltag aus und wie lange brauchst du, um ein Buch fertig zu schreiben?
MW: Sehr unspektakulär, ich sitze an meinem Schreibtisch und tippe in einen prähistorischen Computer. Für einen Marek-Miert-Krimi brauche ich alles in allem ungefähr ein Jahr.
PS: Wie gehst du bei der Planung eines neuen Buches vor?
MW: Wie ich die Storys aushecke? In dem ich einfach über längere Zeit unablässig daran denke, die wahren Abenteuer sind ja bekanntlich im Kopf. Ich habe jedenfalls die Erfahrung gemacht, dass Realismus noch lange keinen guten Roman, keinen guten Krimi macht. Erfundene, fiktionale Figuren sind literarisch gesehen einfach interessanter als tatsächliche Menschen, als reale Vorbilder. Auch von der Schreibökonomie her lässt sich ein fiktionales Geschehen schöner beherrschen, finessenreicher gestalten, als wenn man stur die Realität abbilden würde. Literatur ist für mich Konstruktion, die primär von der Sprache auszugehen hat. Die Wirklichkeit hat in solchen Konstruktionen bestenfalls als kulissenhafte Staffage etwas verloren.
PS: Gibt es bestimmte Rituale, die du beim Schreiben einhältst?
MW: Ich bin da vielleicht zu normal, also keine Chakra-Meditation, keine sonstigen Entspannungs- und Turnübungen. Völlig vermeide ich auch faulende Äpfel und Alkohol. Ansonsten braucht es nur bequeme Kleidung und möglichst keinen Lärm.
PS: Wo schreibst du (am liebsten)?
MW: In einem warmen Zimmer.
PS: Hast du ein bestimmtes Tagespensum oder setzt du dir bestimmte (Zwischen-)Ziele?
MW: Keinerlei Pensum, ich hetze mich ja nicht selbst in den Herzinfarkt.
PS: Wird es bald einen neuen Krimi aus deiner Feder geben?
MW: Ja, wie gesagt Rostige Flügel, den fünften Marek-Miert-Krimi, der 2008 erscheint.
PS: Wieviel und wie lange recherchierst du für ein Buch? Und wie gehst du dabei vor?
MW: Ich habe eine Zeitungsausschnitte-Sammlung mit mehreren tausend Seiten. Darüber hinaus bediene ich eine Reihe von Internet-Suchmaschinen fast schon furios. Außerdem gehe ich gelegentlich intelligenten Menschen mit Experten-Wissen aus meinen Freundes- und Bekanntenkreis mit Fragen auf die Nerven.
PS: Welche Reaktionen bekommst du von deinen Lesern?
MW: Eigentlich nur positive, sehr angenehme. Einmal bin ich sogar bekocht und bewirtet worden - mit typisch österreichischen, traditionellen Speisen und bodenständigen Weinen, die alle in den Miert-Romanen vorkommen.
PS: Was machst du, wenn du gerade keine Krimis schreibst?
MW: Dann schreibe ich historische Aufsätze, Reisereportagen und gelegentlich auch mal ein Sachbuch.
PS: Welchen Stellenwert haben Lesungen für dich und welche Erfahrungen hast du damit gemacht?
MW: Eigentlich nur die allerbesten, obwohl es eher schwierig ist, aus Krimis vorzutragen, noch dazu aus meinen, die ja auch sehr vom Dialogischen bestimmt sind. Auf jeden Fall trinke ich nach einer Lesung gerne mal das eine oder andere Glas Wein mit anwesenden, interessierten Leserinnen und Lesern und plaudere über Gott und die Welt.
PS: Was ist dein größter Traum?
MW: Als Testesser für die österreichische Ausgabe des Guide Michelin engagiert zu werden.
PS: Welchen Rat gibst du anderen, noch unbekannten Autoren?
MW: Nicht aufgeben, sondern hartnäckig und zäh wie die Krätze sein. Mit dem Bauch und nicht nur mit dem Kopf schreiben. Auf literarische Moden pfeifen. Die Tradition kennen und sie doch hinter sich lassen.
PS: Welche Bücher liest du derzeit am liebsten?
MW: Am liebsten historische Sach- und Fachbücher mit dem Schwerpunkt Europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts und Gedichtbände – von Paul Celan bis Konstantin Kaiser. Außerdem bin ich ein bekennender Flohmarkt-Junkie und kaufe dort mehr oder weniger regelmäßig ganze Berge von uralten Schwarteken zusammen, in denen ich dann herumschmökere.
PS: Lieber Manfred Wieninger, vielen Dank für dieses Interview!
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