Petra Schier

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Interview mit Ingrid Schmitz im Februar 2008

Ingrid Schmitz, wurde 1955 in Düsseldorf geboren. Sie arbeitete dort als Speditionskauffrau in einer kanadischen Reederei und später im sowjetischen Außenhandel. Nach ihrer steilen Karriere als Mutter und Hausfrau beschloss sie, sich selbst umzuschulen und erlernte das Handwerk des Schreibens. Bisher veröffentlichte sie über dreißig Kurzgeschichten, zehn Anthologien und zwei Kriminalromane.

Sie ist Mitglied bei den Autorenvereinigungen: Syndikat, Mörderische Schwestern und der International Association of Crime-Writers.

2006 ließ sie ihr Alter Ego, die Krimiautorin Sameja Lomba, das virtuelle Leben von Second Life erblicken. Seitdem kann man sie auch dort antreffen.

Petra Schier: Liebe Ingrid Schmitz, bisher sind zwei Krimis von dir erschienen: Sündenfälle und Mordsdeal
Worum geht es in deinen Büchern?

Ingrid Schmitz: Sündenfälle ist mein erster Kriminalroman überhaupt, der erste Auftritt meiner Serienfigur Mia Magaloff. Sie ist Künstlerin und Trödelmarkthändlerin. Ihr Cousin Waldemar übernimmt als Priester seine erste eigene Gemeinde am Niederrhein. Nach dem zweiten Toten im Kirchenchor wird auch Waldemar verdächtigt. Mia will ihm helfen und beginnt zu ermitteln.

Der zweite Roman spielt in Mias Metier: in den Messehallen (auf dem Trödelmarkt) in Rheinberg. Ihr Standnachbar bricht zusammen und stirbt noch im Notarztwagen. Sein Sohn glaubt nicht an einen natürlichen Tod, da sein Vater als Vertreter viele Feinde hatte. Auch Mia kommt alles sehr mysteriös vor. 


PS: Warum schreibst du ausgerechnet Krimis? Wie bist du dazu gekommen?

IS: Weil Krimis mich schon von kleinauf begeistern. Ich musste meiner Mutter früher beim Bügeln immer Krimis vorlesen. Später habe ich dann Alfred Hitchcock und Edgar Wallace im Fernsehen gesehen und mich gegruselt, heute ist das Krimischreiben für mich vielleicht auch eine Art mit dem Tod umzugehen.
Zum Krimikurzgeschichtenschreiben kam ich durch die Sisters in Crime, deren Adresse ich in einem Fachbuch gelesen hatte. Ich nahm dann an einer Anthologieausschreibung teil.
Zum Romanschreiben kam ich durch meine Kurzgeschichte mit kirchlichem Thema für die Anthologie „Tatort Kanzel“. (Die Grabrede – Wittig Verlag, Kiel). Ich wurde von der Lektorin gefragt, ob ich es mir vorstellen könnte, auch einmal einen ganzen Kriminalroman über die Kirche, den Glauben zu schreiben. Ich konnte es mir vorstellen und schrieb das Exposé und die ersten 50 Seiten, aber kurz vor der Vertragsunterzeichnung stellte der Verlag seine Krimireihe ein. Auf der Suche nach einem Nachfolger fand ich dann sehr schnell den Gmeiner Verlag in Meßkirch.


PS: Schreibst du auch noch in anderen Genres?

IS: Nein. Es gibt wohl eine Anzahl an Fachartikeln über das Schreiben.


PS: Warum hast du dich entschieden, eine Reihe über die Trödelmarkthändlerin Mia Magaloff zu schreiben? Warum keine Einzelromane?

IS: Der Gmeiner Verlag, Armin Gmeiner, war zwar mit dem Kirchenthema einigermaßen zufrieden, benötigte dafür aber eine Serienfigur, die noch andere Fälle lösen kann. So erfand ich innerhalb kürzester Zeit Mia Magaloff, die Trödelmarkthändlerin, weil ich nicht die x-te Reporterin, Gerichtsmedizinerin oder Kommissarin dafür nehmen wollte, sondern eine außergewöhnliche Person.


PS: Was hat dich am Beruf deiner Protagonistin gereizt?

IS: Die Vielfältigkeit. Auf dem Trödelmarkt findest du ALLES. Es geht multikulturell zu, die wahren Berufe der Trödelmarkthändler sind breit gefächert. Es sind alle Schichten vertreten. Es gibt Jung und Alt. Der Zusammenhalt ist groß und grenzenlos, und dann die vielen geheimnisvollen Gegenstände, die ihre eigene Geschichte haben und die Möglichkeit des An– und Verkaufs – wo auch immer, wie auch immer.


PS: Was ist dir an deinen Büchern besonders wichtig?

IS: Dass ich jedes Buch mit Leidenschaft schreiben kann und mich das Thema packt. Ich möchte mit meinen Büchern Menschen zum Lachen bringen und sie unterhalten - aber auch ein wenig nachdenklich stimmen, wenn ich bestimmte Charaktere beleuchte. Die menschlichen Schwächen und Stärken faszinieren mich, wozu ein Mensch überhaupt in der Lage ist und warum er bestimmte Dinge macht – und damit meine ich jetzt nicht nur den Mord an sich.
 

PS: Welche Reaktionen bekommst du von deinen Lesern?

IS: Durchweg positive. Ich denke mal, die wenigsten Leser beschimpfen Autoren direkt oder schreiben ihnen, wenn ihnen das Buch nicht gefallen hat. Noch muss ich keine Angst vor meinen Lesern, meinem Publikum, haben. Auf Lesungen passieren mir die dollsten Dinge. So kam einmal eine alte Frau auf mich zu, als ich die Grabrede gelesen hatte. (Die Geschichte handelt von einer herrlich gehässigen Grabrede, die sich die Witwe gewünscht hatte). Die Frau seufzte nur und meinte: „So eine Grabrede hätte ich auch gerne für meinen Mann gehabt!“
Es ist immer wieder schön, wenn ich erfahre, wie gut ihnen die ein oder andere Beschreibung oder Beobachtung gefallen hat, oder wenn sie meinen, die Menschen zu kennen, von denen ich geschrieben habe.


PS: Du hast neben deinen Romanen bereits viele Anthologiebeiträge veröffentlicht. Was ist, neben der unterschiedlichen Länge, für dich der größte Unterschied zwischen einem Kurzkrimi und einem Kriminalroman?

IS: Der größte Unterschied ist der, dass ich beim Roman länger bei meinen Figuren bleiben kann. Ich kann viel mehr erzählen, tiefer gehen und komme so meinen Figuren sehr viel näher. Um es zu verdeutlichen: Eine Kurzgeschichte ist wie eine kurze Affäre, ein Roman wie eine lange Liebesbeziehung. Ich liebe beides … wobei ich jetzt wieder von den Geschichten rede. ;-)


PS: Wie hast du einen Verlag für dein erstes Buch gefunden? Und wie ging es danach weiter?

IS: Es war 2006 auf der Criminale in Koblenz. Zwischen Lesungen und Fortbildungen traf ich den Verleger Armin Gmeiner und die Lektorin Claudia Senghaas und stellte mein Projekt vor.
Wir waren uns einig, und kaum wieder zu Hause angekommen, erhielt ich meinen Romanvertrag. Da es ja eine Serie werden sollte, folgte darauf das Jahr der nächste.


PS: Wie sieht dein (Schreib-)alltag aus und wie lange brauchst du, um ein Buch fertig zu schreiben?

IS: Ich beginne morgens häufig um 6 Uhr morgens und rufe zunächst einmal meine 98 Mails ab, lösche davon 79 Spams und beantworte die restlichen. Danach schreibe ich entweder an meinem aktuellen Projekt weiter, was durchaus auch Auftragsmorde für Anthologien sein können, oder aber ich aktualisiere meine drei Websites und Weblogs, schreibe Presseartikel, Fachartikel oder kümmere mich um Lesungstermine und die Vermarktung, stelle eine neue Anthologie-Herausgabe zusammen. Da ich ein schriftstellerisches Doppelleben in einer virtuellen Welt führe, schaue ich auch dort nach dem Rechten, logge mich ein, führe Gespräche, halte Meetings mit Geschäfts- und Buchhandelsleuten oder schreibe „Virtuelle Welt-Kurzgeschichten“. (Abends gebe ich dort schon mal Lesungen). Gegen Mittag mache ich eine einstündige Pause, danach geht es weiter bis zirka 16/17 Uhr. Von Montag bis Samstag schreibe ich. Nur der Sonntag ist weitestgehend computerfrei und meiner Familie gewidmet.


PS: Wie gehst du bei der Planung eines neuen Buches vor?

IS: Am Anfang steht die Idee, die mich packen muss. Wenn sie gereift ist, schreibe ich zunächst das Exposé, danach eine ausführliche Figurenbeschreibung (sozusagen einen Steckbrief). Manchmal habe ich den Steckbrief schon vorher und baue ihn ein, oder aber er entsteht während des Exposéschreibens. Danach schreibe ich den Handlungsablauf. Das sind drei bis fünf Sätze zu jeder Szene. Das ist dann mein Fahrplan für das Romanschreiben. Vorher oder währenddessen fällt mir meistens auch ein Titel ein. Ein Titel hilft mir sehr. Damit kann ich wunderbar brainstormen.  Fragen nach der Zielgruppe, dem Marketing und der Motivation stelle ich mir auch, weil ich weiß, dass mein Verleger danach fragen wird.


PS: Gibt es bestimmte Rituale, die du beim Schreiben einhältst?

IS: Wenn ich mitten in meinem Romanprojekt bin, ziehe ich mir bequeme Sachen an, stelle mir eine Flasche Wasser und Kekse oder ähnlich Ungesundes hin. (Nach dem zehnten Tag schwenke ich freiwillig auf Obst um, damit die Sachen wieder bequem werden). Ich wechsle die Schreiborte und Sitzpositionen, von wegen Muskulaturverspannung und Raumgefühl, gehe vom PC an den Laptop und umgekehrt.


PS: Wo schreibst du (am liebsten)?

IS: Am liebsten? Ganz ehrlich? Sitzend im Bett, morgens um 6 Uhr. Mein Laptop steht dabei auf einem Servierwagen. Neben mir, auf dem Nachttisch, dampft die Tasse mit heißem Kaffee. Herrlich!!! Das geht allerdings nur bis zirka 9 Uhr morgens, danach zieht es mich auf meinen Bürostuhl an den „großen“ PC.


PS: Hast du ein bestimmtes Tagespensum oder setzt du dir bestimmte (Zwischen-)Ziele?

IS: Ich habe einen alten Kalender, in dem genau drinsteht, wie lange ich mir für was Zeit nehmen darf. Das Pensum ist großzügig bemessen und für mich zu schaffen.


PS: Wieviel und wie lange recherchierst du für ein Buch? Und wie gehst du dabei vor?

IS: Ich recherchiere, solange ich mich mit dem Roman beschäftige. Es gibt die Vorrecherche und die Nachrecherche. Meistens wähle ich ein Thema, bei dem ich mich gut auskenne, oder das mich brennend interessiert. Dann fällt es wesentlich leichter.
Ich recherchiere zuerst im Internet, gebe verschiedene Begriffe ein und hangele mich so weiter. Dann gibt es die persönliche Recherche. Ich maile Leute an, die mir beim Thema behilflich sein können, stelle mich vor, schicke Ihnen die Fragen und vereinbare ein Treffen oder lasse mir die Fragen per Mail oder am Telefon beantworten.


PS: Welchen Stellenwert haben Lesungen für dich und welche Erfahrungen hast du damit gemacht?

IS: Einen sehr hohen Stellenwert, denn zum einen sind sie eine wohlverdiente Einnahmequelle. (Nur in Ausnahmefällen gebe ich kostenlose Lesungen.) Zum anderen natürlich, weil sie der direkte Kontakt zum Publikum sind und ich gerne sehe, welche Emotionen ich mit meinem Geschriebenen auslösen kann. 


PS: Was ist dein größter Traum?

IS: Soviel Geld mit dem Schreiben zu verdienen, dass ich mir im hohen Alter keine finanziellen Sorgen mehr machen muss.
 

PS: Welchen Rat gibst du anderen, noch unbekannten Autoren?

IS: Sie sollten viel Selbstbewusstsein haben und Leidenschaft zum Schreiben mitbringen,  kritikfähig sein und versuchen, von anderen zu lernen, auch von den Negativbeispielen.


PS: Welche Bücher liest du derzeit am liebsten?

IS: Ich lese zurzeit den wunderbaren Debütroman von Stefanie Baumm: „Unsterblich wie der Tod“, 2006 im Droemer Verlag als Hardcover erschienen. Sie schreibt schon fast lyrisch, tiefgründig auf jeden Fall, und hat stellenweise eine nicht alltägliche Ausdrucksweise.
Außerdem lese ich immer wieder im Jahrbuch für Autoren 2007/2008, Autorenhausverlag, Berlin. Neben den über 1.000 Verlags- und Literaturadressen, die sehr nützlich sind, genieße ich die wunderbaren Erfahrungsberichte über das Autorenleben.


PS: Liebe Ingrid Schmitz, vielen Dank für das Interview!

Homepages von Ingrid Schmitz:

www.krimischmitz.de

www.weblog.krimischmitz.de

www.mia-magaloff.de

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