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Petra Schier: Liebe Hildegunde Artmeier, bislang sind vier Bücher von dir im Gmeiner Verlag erschienen. Zuletzt im Jahr 2006 der Krimi Feuerross. Worum geht es in diesem Buch?
Hildegunde Artmeier: Vordergründig geht es um einen Mordfall in der Toskana, in den meine Heldin Lilian Graf wider Willen während ihres Urlaubs hineingezogen wird. Hinter den Kulissen geht es aber um die unterschiedlichsten Vater-Tochter-Beziehungen und um sexuellen Missbrauch in der Familie. Dieses Thema ist immer noch ein gesellschaftliches Tabu.
PS: Warum schreibst du ausgerechnet Krimis? Wie bist du dazu gekommen?
HA: Ich schreibe, seit ich denken kann. Außerdem habe ich gerade in jungen Jahren alles gelesen, was mir in die Finger kam, von Sagen aus aller Welt über die hohe deutsche Literatur bis zu Kriminalromanen. Die Spannung in gerade diesem Genre hat mich nicht mehr losgelassen, wobei mich immer die Geschichten hinter dem Offensichtlichen am meisten interessiert haben. Irgendwann habe ich mich dabei ertappt, dass ich ganz gezielt nach den falschen Fährten Ausschau gehalten habe, die der/die AutorIn gelegt hatte, und nicht mit jeder Wendung, jedem Schluss einverstanden war. Wie würde ich das machen, habe ich mich immer öfter gefragt. Das war der Moment, als meine erste eigene Geschichte entstand.
PS: Die Protagonistin deiner Bücher ist die Kommissarin Lilian Graf. Warum hast du dich entschieden, eine Reihe mit ihr als Ermittlerin zu schreiben?
HA: Meine Heldin sollte eine Frau sein, weil es zum einen schon genug männliche Protagonisten gibt. Zum anderen wollte ich mit dieser Figur, die außer Kommissarin auch alleinerziehende Mutter ist, den Spagat aufzeigen, den die meisten berufstätigen Frauen mit Kindern jeden Tag von Neuem meistern müssen. Dieser Aspekt ist inzwischen in den Hintergrund getreten, jetzt darf sie nach Lust und Laune spannende Abenteuer erleben.
PS: Was ist dir an deinen Büchern besonders wichtig?
HA: Ich möchte anspruchsvolle, unterhaltsame Kriminalliteratur schreiben, die meine Leser so sehr in eine andere Welt hineinzieht, dass sie den eigenen Alltag während der Lektüre vergessen können. Am schönsten finde ich es, wenn die Leser am Ende das Buch vor dem Weglegen noch einen Moment in der Hand behalten, über die Figuren darin nachdenken, ihre Verwicklungen.
PS: Welche Reaktionen bekommst du von deinen Lesern?
Es kommt immer mal wieder vor, dass mir jemand eine Mail schickt, in der ich Gutes zu hören bekomme. Darüber freue ich mich natürlich, bin aber auch Kritik gegenüber aufgeschlossen, vorausgesetzt, sie ist konstruktiv formuliert. Bei Lesungen kommt es auch häufig vor, dass die LeserInnen meine Bücher schon kennen und sie extra zum Signieren mitbringen, weil sie so beigeistert waren. Natürlich gibt es auch andere Reaktionen. Aber man kann nun mal nicht für jeden Geschmack schreiben.
PS: Wie hast du einen Verlag für dein erstes Buch gefunden? Und wie ging es danach weiter?
HA: Ich habe etwa zehn bis fünfzehn Verlage angeschrieben und jeweils eine Leseprobe mit geschickt. Drei Verlage waren interessiert. Bei dem Verlag, bei dem es am schnellsten ging, habe ich unterschrieben, auch aus dem Grund, weil dieser Verlag an der Serie und nicht nur am ersten Roman Interesse hatte.
PS: Wie sieht dein Schreiballtag aus und wie lange brauchst du, um ein Buch fertig zu schreiben?
HA: Normalerweise schreibe ich vormittags und nach Möglichkeit am Spätnachmittag oder frühen Abend. Da ich neben dem Schreiben noch als Übersetzerin arbeite und eine Familie habe, kann ich aber nicht immer in dem Maß an einem Text dranbleiben, wie ich es gerne hätte. Außerdem läuft viel außerhalb des eigentlichen Schreibprozesses ab, ich merke, wie eine Geschichte in tausend anderen Momenten in mir arbeitet. Für ein Buch brauche ich ungefähr ein Jahr, wobei ich meinen letzten Roman aufgrund des knappen Zeitrahmens in wesentlich kürzerer Zeit fertiggestellt habe.
PS: Wie gehst du bei der Planung eines neuen Buches vor?
HA: Zuerst habe ich zwei, drei Figuren vor Augen, die einen bestimmten Konflikt austragen. Dann entwickle ich außen herum den Krimi-Plot. Dabei verwende ich oft Anregungen aus der Zeitung oder aus Gesprächen, Beobachtungen. Wenn ich alle wichtigen Figuren kenne, stelle ich ihre Beziehungen zueinander in einem Mind Map dar. Nach dieser Grobplanung entwerfe ich das Exposé, um mir über die Logik der Geschichte klar zu werden, und arbeite die einzelnen Charaktere detailliert aus. Wenn ich den Anfang und erste Szenen im Kopf bzw. zu Papier gebracht habe, geht’s los. Während des Schreibens ändert sich viel, die Figuren entwickeln andere Seiten, ein neuer Aspekt kommt dazu, ein anderer geht verloren, der Schluss kann sich verändern. Gerade das ist das Schöne beim Schreiben.
PS: Gibt es bestimmte Rituale, die du beim Schreiben einhältst?
HA: Ich trinke Tee und lese keine E-mails. Inzwischen arbeite ich aus dem letztem Grund nur noch am Labtop, um nur ja nicht in Versuchung zu kommen, etwas anderes zu tun. Wenn ich mit meinem Text gar nicht vorankomme oder über eine bestimmte Szene nachdenken muss, gehe ich zum Joggen. Durch die Bewegung an der frischen Luft klärt sich oft vieles.
PS: Wo schreibst du (am liebsten)?
HA: Im Sommer auf der Terrasse unter dem Sonnenschirm, im Winter am Schreibtisch oder auf dem Bett.
PS: Hast du ein bestimmtes Tagespensum oder setzt du dir bestimmte (Zwischen-)Ziele?
HA: Das ist aufgrund meiner unterschiedlichen Arbeitsbereiche oft nicht möglich. Ich habe mir inzwischen angewöhnt, nie mit einer fertigen Szene aufzuhören, sondern immer noch die ersten Worte für die folgende Szene zu schreiben. So komme ich beim nächsten Mal wieder leichter rein. Außerdem regt mich diese Unfertigkeit zum weiteren Nachdenken an, und ich kann es oft kaum mehr erwarten, bis ich wieder weiterschreiben ‚darf’.
PS: Wieviel und wie lange recherchierst du für ein Buch? Und wie gehst du dabei vor?
HA: Das ist sehr unterschiedlich, je nach Thema. Viel lässt sich inzwischen im Internet recherchieren, das erleichtert die Arbeit ungemein. Allerdings brauche ich oft den konkreten Bezug, vor allem bei Ortsrecherchen. Man merkt einer Szene an, ob die AutorIn dort gewesen ist, oder ob sie sich nur im Internet Bilder angeguckt hat. Auch bei medizinischen oder kriminalistischen Details finde ich es wichtig, mit einem Spezialisten meine Fragen zu diskutieren.
PS: Wie geht es weiter bei dir? Sind bereits neue Krimis geplant?
HA: Im Moment schreibe ich an einer neuen Krimiserie, wieder mit einer weiblichen Hauptfigur. Sie ist keine Kommissarin mehr, sondern kommt aus der schillernden Modewelt und ermittelt aus persönlichen Motiven. Nach vier Romanen wollte ich Abstand gewinnen von der akribischen Ermittlungsarbeit der Polizei und der damit verbundenen intensiven Recherchen. Der erste Roman dieser neuen Reihe ist fertig, meine Agentin ist auf Verlagssuche. Es gibt schon einige Verlage, die an dem Manuskript interessiert sind, und ich warte auf Angebote.
PS: Welchen Stellenwert haben Lesungen für dich und welche Erfahrungen hast du damit gemacht?
HA: Lesungen sind sehr wichtig. Zum einen sind sie eine schöne Abwechslung, ein Highlight, denn der Alltag einer AutorIn kann oft einsam sein. Man bekommt dadurch ein Feedback von LeserInnen, bleibt im Gespräch mit BuchhändlerInnen und trifft auf KollegInnen. Zum anderen sind Lesungen eine wichtige zusätzliche Einkommensquelle, denn der Durchschnittsverdienst von AutorInnen ist nicht vergleichbar mit dem in anderen Berufen. Meine Erfahrungen sind unterschiedlich. Manche Lesungen sind schlecht besucht, das liegt oft an Konkurrenzveranstaltungen oder so profanen Dingen wie dem Wetter. Bei anderen Gelegenheiten ist es so voll, dass man die Leute sogar wegschicken muss.
PS: Was ist dein größter Traum?
HA: Ein Häuschen in der Toskana oder an einem See in Süddeutschland, auf jeden Fall irgendwo am Wasser, von wo aus ich meinen eigentlichen Wohnort jederzeit erreichen kann. Dort werde ich nicht gestört und kann meine Bücher schreiben, die sich so gewinnbringend verkaufen, dass ich davon leben kann.
PS: Welchen Rat gibst du anderen, noch unbekannten Autoren?
HA: Schreiben, schreiben, schreiben! Und viel lesen, eigene Erfahrungen machen, auf konstruktive Kritik hören, an sich selbst glauben.
PS: Welche Bücher liest du derzeit am liebsten?
HA: Bücher von Andrea Camilleri, Paulo Coelho, Cornelia Funke
PS: Liebe Hildegunde Artmeier, vielen Dank für dieses Interview!
Homepage von Hildegunde Artmeier: www.hildegunde-artmeier.de
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