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Petra Schier: Worum geht es in dem Krimi und wer sind die Protagonisten?
Henrike Heiland: Das große, übergreifende Thema ist moderne Sklaverei bzw. Menschenhandel. Ich lasse die Geschichte im heutigen Schottland und Rückblenden im Berlin der Nachkriegszeit spielen. Die beiden Hauptfiguren sind Mina, eine Universitätsdozentin, und ihr Student Cedric. Beide haben und hatten es nicht besonders leicht im Leben, sie nimmt Psychopharmaka, und er ist hochgradig neurotisch.
PS: Warum schreibst du ausgerechnet Krimis und seit wann?
HH: Warum? Vielleicht, weil ich selbst gerne lese. Aber auch, weil Krimischreiben sehr diszipliniert. Krimis müssen streng logisch sein, das gefällt mir. Die Psychologie hinter einem Mord finde ich auch hochspannend. Mein erster Krimi ist 2006 unter meinem Namen erschienen.
PS: Was ist dir an deinen Büchern besonders wichtig?
HH: Dass sie gut unterhalten.
PS: Wie hast du einen Verlag für dein erstes Buch gefunden? Und wie ging es danach weiter?
HH: Ich bin bei der Literaturagentur von Lianne Kolf unter Vertrag. Lianne Kolf war gerade im Gespräch mit einem Verlag, es ging damals noch um Regionalkrimis, und ich hatte die Idee zu einer Ostseekrimireihe. Sie handelte einen Vertrag über drei Bücher aus, und danach fragte mich mein Verlag, ob ich mir vorstellen könnte, mehr in Richtung psychologische Spannung zu gehen. Mich reizte dann, Großbritannien als Schauplatz zu nehmen, weil ich dort gelebt habe und immer wieder hinfahre.
PS: Wie sieht dein (Schreib-)alltag aus und wie lange brauchst du, um ein Buch fertig zu schreiben?
HH: Mein Schreiballtag entspricht, wie ich fürchte, jedem Klischee: Ich schreibe die Nächte durch und schlafe entsprechend in den Tag hinein. Zwischendurch gibt es Tage, an denen mir nichts einfällt und es einfach nicht weitergeht. An denen bin ich unerträglich, da meidet man mich besser. Die reine Schreibphase nimmt ein paar Wochen ein, aber mit Vorrecherche, Plotten und Korrigieren braucht ein Buch bestimmt ein halbes Jahr, manchmal ein dreiviertel Jahr.
PS: Wie gehst du bei der Planung eines neuen Buches vor?
HH: Ich fange mit den Charakteren an. Wenn ich eine interessante Figur habe, entwickle ich von da aus den Plot.
PS: Gibt es bestimmte Rituale, die du beim Schreiben einhältst?
HH: Es stellt sich beim Schreiben immer eine gewisse Routine ein, aber bei jedem Buch war es bisher eine andere. Bei „Wenn es dämmert“ hatte ich einen sehr strukturierten Tagesablauf. Ich wohnte zu der Zeit in St Andrews und hatte in meinem Haus keinen Telefon- und Internetanschluss, um nicht abgelenkt zu werden. Meine Tage liefen so ab: Mittags aufstehen, in die Bibliothek gehen und eine Stunde im Internet schauen. Anschließend ein bisschen spazieren, einkaufen, Leute treffen, was eben so anfällt, dann durchlesen, was ich in der Nacht vorher geschrieben habe, Essen und dabei DVD schauen – ich hatte mir die komplette Inspector Morse-Serie ausgeliehen – und dann weiterschreiben bis die Sonne wieder aufgeht.
PS: Wo schreibst du (am liebsten)?
HH: Ich habe mir extra ein Stehpult und einen Barhocker gekauft, damit ich zwischen Stehen und Sitzen abwechseln kann. Ich brauche auch immer einen Raum, der in der Zeit nur mir gehört und in den ich niemanden rein lasse. Das kann ich natürlich nicht immer ganz so einhalten.
PS: Hast du ein bestimmtes Tagespensum oder setzt du dir bestimmte (Zwischen-)Ziele?
HH: Ja. Aber wie das so ist, mit den Zielen … Na ja.
PS: Wie viel und wie lange recherchierst du für einen Krimi? Und wie gehst du dabei vor?
HH: Ich recherchiere so gründlich wie möglich, mit dem Anspruch, am Ende mehr zu wissen, als letztlich im Buch steht. Die Recherche vor Ort ist auch sehr wichtig. Dafür nehme ich mir schon einige Wochen Zeit.
PS: Welche Reaktionen bekommst du von deinen Lesern?
HH: Ganz unterschiedliche, was ich wichtig finde – hätte ich nur gute, würde etwas nicht stimmen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Buch immer allen Leuten gleich gut gefällt. Da ist es mir lieber, mir sagt mal jemand ganz ehrlich: „Du, das war mir zum Ende hin aber ein bisschen kompliziert!“ statt mich anzulügen. Davon hat ja keiner was. Man kann es natürlich nie allen recht machen – soll man auch nicht. Aber es ist auf keinen Fall falsch, sich negative Kritik anzuhören und zumindest mal drüber nachzudenken. Ich finde es ein sehr gutes Zeichen, dass die Leute das Gefühl haben, mir gegenüber ehrlich sein zu können, und dass sie auch den Dialog ohne Scheu aufnehmen.
PS: Du hast einen sehr interessanten Lebenslauf. Wie viel von deinen Erfahrungen fließt in deine Krimis mit ein?
HH: Schon immer mal hier und da was. Manchmal spielt eine Figur Klavier, manchmal arbeitet jemand am Theater oder hat was mit Literatur zu tun … Solche Dinge baue ich gerne ein, weil ich mich damit auskenne. Aber ich habe bisher noch nichts geschrieben, das deutlich autobiographisch geprägt gewesen wäre.
PS: Was machst du, wenn du gerade keine Krimis schreibst?
HH: Krimis lesen! Nein – Spaß. Ich lese und schreibe auch andere Sachen als immer nur Krimis. Das Genre zu wechseln finde ich für mich sehr wichtig, damit ändert sich auch mein Stil und ich lerne immer noch was dazu. Ich schreibe sehr viel fürs Fernsehen, was immer eine gute Übung ist, weil man da sehr auf die Form und auf jedes einzelne Wort achten muss. Da muss jede einzelne Szene mit jeder Figur genau durchdacht sein.
PS: Welchen Stellenwert haben Lesungen für dich und welche Erfahrungen hast du damit gemacht?
HH: Lesungen mache ich sehr gerne. Es ist immer toll mitzuerleben, wie Menschen direkt auf den Text reagieren. Bei Lesungen bekomme ich jedes Mal wieder eine neue Sicht auf den Text.
PS: Was ist dein größter Traum?
HH: Den darf man doch nicht verraten, sonst wird er nicht wahr!
PS: Welchen Rat gibst du anderen, noch unbekannten Autoren?
HH: Hart arbeiten. Am Plot, an den Figuren, am Stil. Niemand wird mit dem perfekten Stil geboren, dafür muss man eine Menge tun. Bei jedem Buch fängt man wieder fast bei Null an. Nicht entmutigen lassen von Absagen. Ich habe schon Sachen angeboten, zu denen sagte einer: Nein, das geht gar nicht, und der nächste: Darauf hab ich gewartet! Agenten und Verlage suchen, die zu einem passen, nicht versuchen, zu denen zu passen. Immer bei sich bleiben, keinen Trends hinterherrennen, sondern die eigene Stimme suchen. Und dann: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Schreiben ist ein Handwerk, bei dem man nie auslernt.
PS: Welche Bücher liest du derzeit am liebsten?
HH: Gerade jetzt bin ich fertig mit Magnus Mills, den finde ich stilistisch großartig. Flann O’Brien und Julian Barnes sind als nächste dran. Ian Rankin, um wieder zu den Krimis zu kommen, ist einer meiner Lieblingsautoren.
PS: Liebe Henrike Heiland, vielen Dank für dieses Interview!
Internetseite der Autorin: www.henrikeheiland.de
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