Petra Schier

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Interview mit Heidi Rehn im Januar 2008

Heidi Rehn wurde 1966 in Koblenz/ Rhein geboren und wuchs in einer Kleinstadt am Mittelrhein auf. Zum Studium der Germanistik, Geschichte, BWL und Kommunikationswissenschaften kam sie nach München. Nach dem Magisterexamen arbeitete sie zunächst als Dozentin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, anschließend war sie PR-Beraterin in einer Agentur. Seit mehr als zehn Jahren ist sie freie Journalistin und Autorin. Zusammen mit Mann und zwei Kindern lebt sie weiterhin mitten in München. 

Sie ist Mitglied im „Syndikat - Vereinigung deutschsprachiger Krimiautoren“ (dort betreut sie die Organisation rund um den „Friedrich-Glauser-Preis. Krimipreis der Autoren“) sowie im „VS – Verband deutscherSchriftsteller“ und bei „Quo Vadis – Autorenkreis historischer Roman“.Zusammen mit Autorenkollegin Gisa Klönne war sie außerdem mehrere Jahre Pressesprecherin der „Mörderischen Schwestern.“

Buchveröffentlichungen:

2007: Tod im Englischen Garten, Emons Verlag
2006: Blutige Hände, Emons Verlag
2005: Thonets Gesellen, Emons Verlag
2003: Theos Erbe, Emons Verlag
2000: Das Institut, rororo

Petra Schier: Liebe Heidi Rehn, von dir sind bereits einige Krimis erschienen, zuletzt Tod in Englischen Garten.
Worum geht es in dem Buch?

Heidi Rehn: Es spielt in München im Jahr 1872 und vermischt den realen Fall der Adele Spitzeder – die ehemalige Hofschauspielerin hat um diese Zeit mit einer Art „Bankskandal“ für Furore gesorgt – mit einer fiktiven Mordserie im Englischen Garten. Kommissar Thiel vermutet einen Zusammenhang zwischen beidem und muss, da sich die Todesfälle häufen, rasch den Täter finden. Opfer sind jeweils junge Männer vom Land, die sich durch eine Geldanlage bei der Spitzederschen „Bank“ den Traum vom großen Geld erfüllen wollten. Nun liegen sie erschlagen im Englischen Garten und das Geld ist weg. Es mehren sich die Anzeichen, dass einige einflussreiche Herrschaften großes Interesse daran haben, die Spitzeder und ihre Bank in Misskredit zu bringen, gleichzeitig gibt es auch Ungereimtheiten im Privatleben der Opfer, die mit den Morden zu tun haben könnten. Andererseits könnte es natürlich auch um einen „Serienmord“ gehen, denn die Muster der Morde sind immer gleich …


PS: Warum schreibst du ausgerechnet historische Krimis?

HR: Ich liebe es, mich mit dem Alltagsleben in vergangenen Zeiten zu beschäftigen, also herauszufinden, wie ganz normale Menschen damals gelebt haben. Gleichzeitig liebe ich Krimis. Beides kann ich in meinen Büchern hervorragend miteinander verbinden: An realen Ereignissen knüpfe ich z.B. mit einem fiktiven Mordfall an. Dadurch setze ich meine Figuren einer Extremsituation aus, die sie ganz besonders agieren lässt. Erstaunlicherweise zeigt sich dabei immer wieder, wie wenig sich die menschlichen Verhaltensweisen in den letzten Jahrhunderten geändert haben: Liebe, Hass, Leidenschaft, Rache, Neid und Missgunst waren und sind die Motivation, zu extremen Mitteln wie z.B. Mord zu greifen. Das lässt sich so spannend erzählen.


PS: Was ist dir an deinen Büchern besonders wichtig?

HR: Die Authenzität, also wie es mein Lieblingsautor Gert Hofmann („Der Kinoerzähler“, „Die kleine Stechardin“) einmal gesagt hat: „erzählen, wie es gewesen sein könnte“: Man kann die Vergangenheit zwar immer nur aus dem Blickwinkel von heute schildern, denn niemand kann exakt nachempfinden, wie es damals war, aber man kann sich bemühen, sie in sich stimmig zu schildern, so dass plausibel wird, was man sich ausgedacht hat. Insbesondere meine Figuren so zu schildern, so dass sie „echt“ und glaubwürdig wirken, finde ich sehr wichtig.


PS: Wie hast du einen Verlag für dein erstes Buch gefunden? Und wie ging es danach weiter?

HR: Das war vor allem riesengroßes Glück: Ich bin damals sehr naiv an die Sache herangegangen, habe mir einfach zehn Verlage gesucht, zu deren Programm mein Roman passen könnte, und das Manuskript losgeschickt. Nach neun Absagen kam dann als zehnte Reaktion die Zusage und der Vertrag ausgerechnet gleich mit Rowohlt! Meine historischen Krimis erscheinen allerdings bei Emons, einem Verlag, der sich u.a. auf (historische) Krimis spezialisiert hat. Auch dort bin ich gleich mit meinem ersten Manuskript erfolgreich gewesen.


PS: Wie sieht dein (Schreib-)alltag aus und wie lange brauchst du, um ein Buch fertig zu schreiben?

HR: Ich bemühe mich um Disziplin und Regelmäßigkeit: „Besuche jeden Tag dein Buch“ halte ich für eine sinnvolle Vorgabe. Morgens um acht, wenn die Kinder in die Schule sind, starte ich mit der Beantwortung meiner Emails und erledige, was ich für meine sonstigen Verpflichtungen (ich arbeite hin und wieder noch als Journalistin) zu tun habe. Danach geht es für gut drei Stunden ans Schreiben. Leider gehört der Nachmittag zwangsläufig anderen Aktivitäten. Wenn ich richtig im Manuskript drin bin, setze ich mich abends, wenn die Kinder im Bett sind, noch einmal gern ein, zwei Stunden an meinen Laptop und überarbeite, was am Vormittag entstanden ist. An den Wochenenden versuche ich zumindest, jeden Tag ein, zwei Stunden im Geschriebenen zu lesen und die Szenen weiterzudenken. Insgesamt vergeht bislang ein gutes Jahr von der ersten Idee bis zum Erscheinen des gedruckten Buches, was aber natürlich auch damit zusammenhängt, dass ich den Vertrag schon während des Schreibens habe.


PS: Wie gehst du bei der Planung eines neuen Buches vor?

HR: Oft ist da zuerst die Idee einer Figur aus einem bestimmten Zeithintergrund, mit der etwas geschieht. Ich versuche, mich mehr und mehr in sie hineinzuversetzen, sie und ihr bisheriges Leben, ihr Umfeld, ihre Zeit, in der sie gelebt hat, besser kennenzulernen, und daraus ergibt sich, was ihr passieren könnte, woraus sich dann letztlich die gesamte Handlung entwickelt.


PS: Gibt es bestimmte Rituale, die du beim Schreiben einhältst?

HR: Ich betrachte das Schreiben als „Besuch“ bei meinem Buch, d.h. ich bin dort zu Gast und erfreue mich daran. Das ergibt eine positive Grundeinstellung. Ich „muss“ nicht, ich „darf“ jeden Tag weiter schreiben. Ich bin neugierig auf meine Figuren und freue mich an dem, was entsteht. Das ist zwar kein Ritual im engeren Sinn, aber eine wichtige Grundeinstellung beim Schreiben.


PS: Wo schreibst du (am liebsten)?

HR: An meinem Schreibtisch, den mir mein Großvater – er war Zimmermann – vor vielen Jahren einmal entworfen und genau für meine Bedürfnisse zusammengebaut hat. Er ist aus einem schönen Holz, hat spezielle Ablagefächer und ist einfach ein Stück meines leider schon lange verstorbenen Großvaters, der mich so dennoch jeden Tag bei meinem Tun begleitet. Von dort habe ich einen guten Blick in einen großen Garten (und das mitten in München!), was auch immer sehr anregend ist, gerade im Sommer.


PS: Hast du ein bestimmtes Tagespensum oder setzt du dir bestimmte (Zwischen-)Ziele?

HR: Ich versuche, wie schon erwähnt, jeden Tag zumindest gedanklich in meinem Buch zu Gast zu sein. Fünf Seiten Neugeschriebenes oder eine vollständige Szene neu zu entwerfen, ist mein Ziel. Wenn ich es nicht schaffe, mache ich mir allerdings keinen Stress. Das wäre nur kontraproduktiv.


PS: Wieviel und wie lange recherchierst du für ein Buch? Und wie gehst du dabei vor?

HR: Die erste Recherche, um beispielsweise den Einstieg in eine neue Zeit zu finden, dauert ein paar Wochen. Währenddessen lese ich viel, gehe in die Staatsbibliothek, in Archive usw. Davon gibt es hier in München wirklich genug, Gott sei dank. Dann fange ich irgendwann mit dem Schreiben an, allerdings geht das Lesen unterdessen natürlich weiter. Es hört eigentlich nie so recht auf, weil immer noch mal einige Kleinigkeiten nachzuschauen sind oder sich auch etwas Neues ergibt, dass mir vorher nicht bewusst war. Außerdem bin ich gern in der Zeit, über die ich schreibe, zu Gast, in dem ich Bücher aus der Zeit lese. Das erleichtert mir den Zugang, mich in das Denken und Fühlen hineinzuversetzen.


PS: Welche Epochen würden dich für eine Krimihandlung besonders reizen?

HR: Obwohl ich mittelalterliche Geschichte studiert habe, liegt mein Hauptinteresse – vielleicht, weil ich mir die Epochen mehr erarbeiten muss? – eher in der Neuzeit. Neben dem 19. Jahrhundert interessiert mich vor allem das 17. Jahrhundert, dessen Menschen so entscheidend durch den Dreißigjährigen Krieg geprägt wurden. Das ist auch die Zeit, in der mein derzeit im Entstehen begriffener Roman (kein Krimi dieses Mal!) spielt.


PS: Welche Reaktionen bekommst du von deinen Lesern?

HR: Oft erreichen mich Mails von Leuten, die nach dem Lesen meinen Namen gegoogelt und so zu meiner Homepage gefunden haben. Zum Glück sind es sehr positive Mails, die mir bestätigen, dass sie die Atmosphäre in meinen Büchern mögen, weil sie dadurch ins Geschehen hineingezogen werden, und das ihnen die Figuren gefallen, weil sie so lebensecht sind. Das ist genau das, was ich will, und deshalb freut mich diese Reaktion.


PS: Du hast einige Zeit als PR-Beraterin gearbeitet. Wie wirken sich die Erfahrungen, die du dabei gesammelt hast, auf dein Autorenleben aus?

HR: Neben den Erfahrungen mit der klassischen Pressearbeit weiß ich, dass der direkte Kontakt zur Zielgruppe, also den Lesern, eminent wichtig ist. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich vor fünf oder hundert Leuten stehe. Was zählt, ist der Eindruck, den ich meinen Lesern von mir vermittele. Der prägt sich ein und schafft später den Wiedererkennungswert in der Buchhandlung, wenn jemand nach einem Buch sucht, oder wenn jemand einem anderen meine Bücher weiterempfiehlt. Diese Form von Öffentlichkeitsarbeit ist also für Autoren sehr, sehr wichtig, wird aber leider von vielen unterschätzt.


PS: Welchen Stellenwert haben Lesungen für dich und welche Erfahrungen hast du damit gemacht?

HR: Lesungen sind mir sehr wichtig. Zum einen lese ich einfach gern und erzähle gern von meinen Büchern, wie sie entstanden sind, was mir wichtig dabei war etc. Was aber viel mehr zählt: Dort habe ich Gelegenheit, direkten Kontakt mit meinen Lesern zu bekommen wie oben beschrieben. Wenn sie die Zeit und den Aufwand aufbringen, zu meiner Lesung zu kommen, sind das schon mal sehr große Vorschusslorbeeren. Darüber freue ich mich und deshalb sehe ich mich in der Verpflichtung, ihnen etwas Gutes bei einer Lesung zu bieten. Im Gespräch mit ihnen erfahre ich, wie meine Bücher auf sie wirken, was sie an ihnen mögen. Ich nehme also fast schon mehr von ihnen mit als sie von mir.


PS: Was ist dein größter Traum?

HR: Einfach weiterhin schreiben zu können, Geschichten von Menschen zu erzählen, die mich interessieren und über die andere gern lesen.


PS: Welchen Rat gibst du anderen, noch unbekannten Autoren?

HR: Immer fest an sich glauben und seinen Weg gehen, sich selbst treu bleiben und nicht entmutigen lassen! Wenn man wirklich schreiben will, dann schafft man es auch, einen Verlag für seine Idee zu begeistern.


PS: Welche Bücher liest du derzeit am liebsten?

HR: Vor allem historische Romane und Krimis, denn es macht Spaß zu ergründen, wie Kollegen ans Schreiben herangehen, wie es ihnen gelingt, gute, aufregende Geschichten zu erzählen.


PS: Liebe Heidi Rehn, vielen Dank für dieses Interview!

Homepage von Heidi Rehn: www.dierehn.de

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