Petra Schier

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Interview mit Erwin Kohl im Januar 2008

Vita Erwin Kohl
Geboren: 05.05.1961 in Alpen am Niederrhein
Verheiratet, drei Kinder, wohnhaft in Wesel - Ginderich
Nach dem Abschluss der Handelsschule 1978 Eintritt in den mittleren Postdienst.

2001 Ausstieg aus dem Postdienst, seither hauptberuflich als Autor tätig.

Nebentätigkeiten:

Friedhofsgärtner
Kinopächter
Taxifahrer
Discjockey
Partnervermittler
Gastwirt
Eisverkäufer

2002 zwei Sendungen für Radio KW produziert.

Petra Schier: Lieber Erwin Kohl, von dir sind bereits einige Krimis erschienen, zuletzt Flatline.
Worum geht es in dem Buch?

Erwin Kohl: Der Roman hat einen realen Hintergrund: Xavier Saelens, Wissenschaftler der Universität Gent und sein Team entwickeln derzeit einen Grippeimpfstoff, der gegen alle Arten dieses Virus (Dengue-Fieber, spanische Grippe bis hin zu H5N1) immun macht. Es handelt sich dabei praktisch um die Lizenz, Geld zu drucken. Als Krimiautor habe ich mich gefragt, was passiert, wenn dieses Mittel in die falschen Hände gerät und wie hoch wäre der mögliche Einsatz?


PS: Warum schreibst du ausgerechnet Krimis?

EK: Das hat viele Gründe. Zum einen ist der Krimi das Genre mit dem größt möglichen Bezug zur Realität. Wenn man die Krimis des letzten Jahrhunderts liest, erhält man tiefe Einblicke in gesellschaftliche und soziale Strukturen, sie sind nicht nur spannend, sondern auch eine Art Chronik. Zudem besteht durch ein Verbrechen, speziell der „Königsdisziplin Mord“, wie bei kaum einer anderen Literaturgattung die Möglichkeit, seine Figuren bis ans Limit auszureizen, ihre Psyche offen zu legen wie … ja, wie ein Buch.

Darüber hinaus denke ich, dass ein Autor über das schreiben sollte, was er auch selbst am Liebsten liest. Ich lese seit meinem zwölften Lebensjahr Krimis.


PS: Was ist dir an deinen Büchern besonders wichtig?

EK: Das die Story schlüssig und nachvollziehbar ist, die Recherchen stimmen und vor allem die Figurenzeichnung den Leser überzeugt. Wenn mir ein Leser sagt: „Den Kommissar kenne ich, das ist mein Nachbar“, empfinde ich dies als Kompliment.


PS: Wie hast du einen Verlag für dein erstes Buch gefunden? Und wie ging es danach weiter?

EK: Ich hatte das Manuskript zunächst drei Verlagen geschickt. Das war sicherlich, was die Anzahl betrifft, äußerst naiv. Aber ich hatte Riesenglück und bekam zwei Zusagen. Einmal Fuß gefasst, wird es leichter. Was aber auch daran liegt, dass professionelle Hilfe in Form von Lektoren oder den Kollegen aus dem Syndikat zur Seite steht. Man erkennt die Schwachstellen und ist darum bemüht, mit Hilfe von Fachbüchern und  Seminaren nach und nach die Qualität zu verbessern.


PS: Wie sieht dein (Schreib-)alltag aus und wie lange brauchst du, um ein Buch fertig zu schreiben?

EK: Ich setze mir als Ziel fünf Seiten täglich, je nach Umfang des Projektes auch schon mal sechs oder sieben Seiten. Während der Schreibphase befinde ich mich 24 Stunden am Tag gedanklich im Roman. Viele Formulierungen oder Dialoge entstehen in der Nacht im Bett. Vor dem Einschlafen, nach dem Aufwachen oder in Träumen, die bringe ich morgens vor dem Frühstück zu Papier.

Für ein Buch benötige ich im Durchschnitt neun Monate, wobei die reine Schreibarbeit etwa ein Drittel der Zeit in Anspruch nimmt. Der Rest geht für Recherchen, Figuren- und Stoffentwicklung usw. drauf.


PS: Wie gehst du bei der Planung eines neuen Buches vor?

EK: Am Anfang steht die Idee, der eine Gedanke, aus dem vielleicht ein Roman entstehen könnte. Diese Grundidee baue ich aus, überprüfe sie durch grobe Vorabrecherchen auf Glaubwürdigkeit. Anschließend steht die Frage im Raum, in welchem Umfeld der Roman spielen kann, passt er in ein Serienkonzept, sprich zum bestehenden Protagonistenstamm, oder muss ein neues Konzept erstellt werden. Wenn diese Dinge geklärt sind, beginne ich mit der Plotentwicklung, dem Stufendiagramm und der Zeichnung der Figuren. Am Ende dieser Vorarbeiten beginnen die eigentlichen Recherchen.


PS: Gibt es bestimmte Rituale, die du beim Schreiben einhältst?

EK: Nichts Besonderes. Vielleicht meine Wochenschreibleistung. Sollte ich drunter liegen, muss das Wochenende daran glauben.


PS: Wo schreibst du (am liebsten)?

EK: Am Liebsten im Sommer mit dem Laptop auf der Terrasse. Die meiste Zeit aber in meinem Kellerloch. Ist zwar ein zweckmäßig eingerichtetes Büro, aber Sonnenstrahlen kitzeln mir noch einen Tick mehr Kreativität aus dem Hirn.


PS: Hast du ein bestimmtes Tagespensum oder setzt du dir bestimmte (Zwischen-)Ziele?

EK: Siehe oben. Zwischenziele sind schwierig zu formulieren, da ich am Anfang nie genau weiß, wie umfangreich das Skript letztendlich wird.


PS: Wieviel und wie lange recherchierst du für einen Krimi? Und wie gehst du dabei vor?

EK: Das hängt natürlich von der Story ab. Für „Grabtanz“ habe ich drei Monate benötigt, für „Zugzwang“ über ein halbes Jahr. Ich recherchiere jedes noch so unbedeutsam erscheinende Detail. Beispiel: Einer meiner Protagonisten fährt als Zweitwagen einen englischen Oldtimer. Ich habe mich solange in der Szene umgehört, bis ich jemanden gefunden habe, der genau dieses Fahrzeug besitzt und ihn „ausgequetscht“. Das hat mehrere Tage gedauert. Im Roman ist davon nur der Satz übrig geblieben: „Er fädelte den Rückwärtsgang ein wie einen Faden in ein Nadelöhr.“ Für „Zugzwang“ musste ich aufgrund der Thematik die Recherchen auf Russland, die USA und Frankreich ausdehnen, wodurch Übersetzungsarbeiten anfielen.

Auch wenn das Internet uns Autoren viel Arbeit abnimmt, es ist nicht unbedingt verlässlich. Bei Internetrecherchen prüfe ich die Ergebnisse immer wieder gegen, bis am Ende reine, verlässliche Fakten übrig bleiben. Wenn es irgendwie machbar ist, befrage ich Menschen vor Ort oder telefonisch. Für Polizeiinterna habe ich die entsprechenden Handbücher und verfüge darüber hinaus inzwischen über sehr gute Kontakte zur Polizei. „Grabtanz“ beispielsweise habe ich komplett mit einem Hauptkommissar und ehemaligen Mordermittler auf Glaubwürdigkeit und Realitätsnähe durchprüft.


PS: Welche Reaktionen bekommst du von deinen Lesern?

EK: Bislang überwiegend positive. Das Feedback der Leser ist für mich Bestätigung und Herausforderung zugleich. Natürlich kommen immer wieder Anregungen, ganze Romanideen oder die Bitte, den nächsten Roman in einer bestimmten Gegend spielen zu lassen.


PS: Was machst du, wenn du gerade keine Krimis schreibst?

EK: Meine Krimis vermarkten, an meiner Homepage arbeiten (viel zu selten, ich weiß). In meiner Freizeit radle ich mit dem Fahrrad durch den Niederrhein oder auch mal weiter weg, gehe schwimmen oder besuche die Heimspiele des FC Schalke 04. Demnächst lebt ein Hobby aus meiner Jugendzeit wieder auf, wenn es die Zeit erlaubt: Der Modellbau.


PS: Welchen Stellenwert haben Lesungen für dich und welche Erfahrungen hast du damit gemacht?

EK: Lesungen haben für mich einen enorm hohen Stellenwert. Nackte Verkaufszahlen sind blutleer, sie sagen nicht unbedingt etwas über die Zufriedenheit der Kunden aus. Der persönliche Kontakt mit den Lesern ist es, der mich antreibt. Wobei ich immer wieder bemüht bin, neue Wege zu beschreiten. Nach meiner Erfahrung hat in dem Bereich eine Art „Eventisierung“ Einzug gehalten. Der Autor im Korbsessel einer Buchhandlung begeistert nur noch bedingt. Ich suche daher immer wieder außergewöhnliche Veranstaltungsorte. So habe ich in einer Sargfabrik gelesen, einer Kornbrennerei, Pathologie, Kirche usw. Die Premierenlesung meines nächsten Romans („Willenlos“, Feb. 08) findet in einem Gefängnis statt.


PS: Was ist dein größter Traum?

EK: Das die vorhandene Nahrung auf diesem Planeten so umverteilt wird, dass niemand mehr hungern muss.


PS: Welchen Rat gibst du anderen, noch unbekannten Autoren?

EK: Gehet hin und lest. Im Ernst: Ein Manuskript abzugeben und im stillen Kämmerlein auf den Erfolg warten, das funktioniert nur bei einer verschwindend kleinen Zahl von Autoren. Man muss sich jeden Ort, jede Region „erlesen“, um bekannt zu werden. Ein Rat für Krimiautoren speziell: Schließt euch dem Syndikat an, profitiert von den Erfahrungen hunderter Kollegen.


PS: Welche Bücher liest du derzeit am liebsten?

EK: Krimis und Thriller. Derzeit lese ich „Der siebte Tod“ von Paul Cleave. Danach ist leider Pause im Krimibereich, ich muss mich für mein nächstes Projekt durch einen Stapel Sachbücher lesen.


PS: Lieber Erwin Kohl, vielen Dank für dieses Interview!

Homepage von Erwin Kohl: www.erwinkohl.de

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