Petra Schier

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Interview mit Alessandra Bernardi im März 2007

Alessandra Bernardi, 1967 geboren in Triest, schreibt in verschiedenen Genres. Die Tochter des Dogen ist ihr erster historischer Roman. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in der Nähe von Venedig. Sie ist Mitglied in einigen deutschsprachigen Autorenvereinigungen, zum Beispiel bei Montsegur, WWGPro.DE und DeLiA.


Petra Schier: Liebe Alessandra Bernardi, kürzlich ist dein erster historischer Roman erschienen: Die Tochter des Dogen
Worum geht es in deinem Buch?

Alessandra Bernardi: Um die Tochter des Dogen, die das Leben eher verträumt sieht. Meine junge Protagonistin Isabella ist voller Idealismus. Das Buch spielt ja in Venedig, 1309. Eine Zeit, in der die Geheimpolizei sehr aktiv war, die Glasbläser vor dem Höhepunkt ihrer Kunst standen ... atemberaubende Kulisse für das altbekannte Spiel von Liebe und Verrat, Glaube und Zweifel. Isabella glaubt an das Gute in jedem Menschen und zweifelt an Beschuldigungen, denen ihr Vater ausgesetzt ist. Bis sie erkennen muss, dass das Volk unter dem Regime des Dogen leidet. Ganz deutlich zeigt sich das, als sie den Glasbläser Giovanni trifft und sich in ihn verliebt. Mit dem Widerstand ihres Vaters gegen diese geheime Liebe beginnt Isabella zu zweifeln – an der Liebe ihres Vaters, dem Vertrauen ihres Bruders Silvano. Isabella empfindet ihre Herkunft immer stärker als eine Art goldener Käfig und erst, als sie begreift, dass auch Giovanni gegen die Regeln seines Lebens kämpfen muss, gelingt es ihr, zu erkennen, was ihr wichtig ist. Eine Prüfung, die ihr nicht nur den Glauben an Giovanni, sondern auch an ihren Vater abverlangt. Mehr verrate ich nicht, lest selber...


PS: Wie bist du zu diesem Thema gekommen? Was hat dich besonders daran gereizt?

AB: Mich hat schon länger das Schicksal der Dogenfamilie beschäftigt. Als mir ein Artikel mit dem Edikt in die Hände fiel, dass die Glasbläser nach Murano „verbannt“ wurden, war dies der Startschuss und so entstand der Plot „Die Tochter des Dogen“.


PS: Was ist dir an diesem Buch besonders wichtig?

AB: Dass es erst der Beginn einer langen Karriere ist. Ich mag es nicht, in Laden gesteckt zu werden und so manches Feedback bisher zum Buch bestätigt, dass „Die Tochter des Dogen“ kein ausschließlicher gnädig belächelter historischer Liebesroman ist. Im Gegenteil, es findet sich vieles darin, das nicht eindeutig zuzuordnen ist.

Es wird viel über historische Romane diskutiert. Ich wollte kein mit Fakten überhäuftes Buch schreiben, aber auch keinen Nackenbeißer. Es sollte mir gelingen, das fiktive Schicksal eines Mädchens zu zeigen, das scheinbar ein gutes Leben als Dogentochter führt, aber daraus keinen 08/15 Plot zu machen. Im Gegenteil, es war mir sehr wichtig, Isabellas Gedanken zu fordern und sie als starke Figur zu zeigen. Den Rest habe ich ihr selbst überlassen.


PS: Welche Reaktionen bekommst du von deinen Lesern?

AB: Das ist unterschiedlich. Viele schreiben mir und wollen wissen, wie ich schreibe, wie lange ich an dem Buch gearbeitet habe. Andere teilen mir begeistert mit, wie berauschend sie das Setting des Romans erlebten und andere wieder, welche Figuren sich bei ihnen ins Herz geschlichen haben. Es ist sehr interessant für mich zu erfahren, welche Figuren, welche Eindrücke bei den LeserInnen selbst entstanden sind. Ich habe das als Autorin nur bedingt in der Hand und war erleichtert, als die ersten Reaktionen durchaus positiv waren.

Ganz besonders freut mich, dass manche LeserInnen nach einer Fortsetzung fragen! Ein Gedanke, der mich schon zur Mitte des Romans mal sehr beschäftigt hatte und durchaus seine Reize hätte. Ideen gibt es.

Natürlich schmeichelt es mir als Autorin, den LeserInnen so schöne Lesestunden zu bereiten, dass man meint, beim nächsten Besuch im Palazzo Ducale Isabella zu treffen. Das Gefühl hatte ich selbst schon ein paar Mal, wenn ich dort war – und es war unglaublich.


PS: Venedig im frühen 14. Jahrhundert … Wie bist du ausgerechnet auf diesen historischen Schauplatz gekommen?

AB: Die Idee, einen historischen Roman mit Venedig als Schauplatz zu schreiben, gab es schon länger. Ich bin gern dort, liebe den Palazzo Ducale und die Geschichte der Stadt ist so vielfältig. Die Serenissima wusste immer die Gunst der Stunde zu nützen, auch wenn die Vorgehensweise nicht immer so ehrenwert gewesen sein mag.


PS: Wieviel und wie lange hast du recherchiert? Und wie bist du dabei vorgegangen?

AB: Den Zeitpunkt, wo alles anfing und wo die Recherche endete, kann ich gar nicht mehr so genau sagen. Es ging bei diesem Buch kreuz und quer, weil ich durch einige Überarbeitungen vieles wieder herausnahm, gewisse Details neu recherchieren musste, ganze Kapitel neu schrieb und auch mal einen großen Teil des Manuskripts selbst komplett neu. Ich bin bis jetzt unsicher, was für mich der bessere Weg ist – gleichzeitig schreiben und recherchieren, oder fein säuberlich vorher recherchieren, dann nur noch fiktives Schreiben?

Anfangs erschien mir das Internet als ideale Quelle, aber erfahrene AutorInnen rieten mir davon ab. So konzentrierte ich mich auf diverse Fachliteratur, Bildbände und natürlich meine Eindrücke und Erfahrungen vor Ort. Da hielten mich Touristenströme, Regen, Schnee und aqua alta nicht ab.

Was ich bewusst nicht tat – Romane zu lesen, egal ob Krimi oder nicht, die Venedig als Schauplatz haben. Ich wollte mir für das Schreiben des Dogen meine persönlichen Gedanken bewahren und mich nicht beeinflussen lassen. Heute weiß ich, dass es nichts an dem Entstehen des Buches und meiner Faszination für diese Stadt geändert hätte.

Das Internet nutze ich inzwischen doch. Für schnelle Infos, für bildhafte Eindrücke und einfach „virtuell“ zu versinken.


PS: Wie gehst du beim Schreiben vor? Wie lange brauchst du, um ein Buch fertig zu schreiben?

AB: Das ist für mich nicht einfach zu beantworten. Ich bin ein Bauchschreiber – bisher. Ich arbeite daran, das zu ändern. D.h. je mehr ich schreibe, desto besser werde ich und auch desto schneller. Da ich aber an mehreren Projekten arbeite, kann ich nicht sagen, wie lange ich für ein Buch brauche. Bisher war es so, dass ich mit einem gefühlt geschriebenen Erstkapitel und Expose gestartet bin. In den letzten Monaten hat sich meine Arbeitsweise ein wenig geändert. Zum Guten, wie ich hoffe, denn ich arbeite viel strukturierter und energiesparender natürlich. Ich arbeite meinen Plot genauer aus, weil ich mittlerweile erkannt habe, dass viel vorab zu planen, meine Kreativität keinesfalls einschränkt, wie ich bisher dachte.


PS: Wie hast du schließlich einen Verlag gefunden?

AB: Das war nicht mein Verdienst, sondern der meines Agenten. Ich habe vor längerem beschlossen, die Suche nach Verlagen in die Hände eines Profis zu legen, damit ich den Rücken frei habe zum Schreiben. Manchmal klappt das aber nicht und man ist mit dem Kopf doch mehr bei Vertragsproblemen oder wartet auf Feedback...


PS: Welchen Rat gibst du anderen, noch unbekannten Autoren?

AB: Niemals aufgeben! Das mag dumm klingen, aber ich denke, je leichter man aufgibt, desto mehr vergibt man seine Chancen. Ich habe in den letzten Monaten viel erlebt, positiv wie negativ. In beiden Fällen kam es so schnell, so unerwartet, dass man einfach auf seine Schreibe vertrauen muss. Der Wind in der Buchbranche hat oft Orkanstärke, dennoch kann plötzlich Windstille eintreten und genau dein Buch trifft einen Lektor, der sich dafür begeistert. Nur, der Autor – der hat aufgegeben. Ja, es wird viel Schrott gedruckt, ja, es ist nicht leicht, aber wer sich leicht in die Flucht schlagen lässt, wird spätestens mit den ersten Rückmeldungen von Lektoren oder Agenten eine Entscheidung treffen müssen – ist mir das Schreiben wirklich wichtig oder gefällt mir nur die Aussage: „Mein Name ist xy und ich bin AutorIn.“

Schreiben bedeutet nicht immer, unabhängig und frei arbeiten zu können. Schreiben ist kein Freibrief, um sich in seinem Talent zu suhlen, aber Schreiben gibt so viel zurück – liebe Briefe von LeserInnen, Lob von Lektoren, Verkaufszahlen, Buchmesse ...

Man darf nicht vergessen, dass die Anzahl der unverlangt eingesandten Manuskripte steigt und steigt. Und schon Süskind oder Hammesfahr sammelten Absagen im zweistelligen Bereich, bevor sie der Markt entdeckt hat.

Nur, wer nicht wagt, der auch nicht gewinnt! Und wer früh aufgibt, muss sich später fragen, ob er eine Chance verpasst hat – oder das Schreiben ihm vielleicht gar nicht so wichtig war, wie er bisher dachte.


PS: Welche Bücher liest du derzeit am liebsten?

AB: Ganz ehrlich? Ratgeber zum Zeitmanagement, denn mittlerweile hat mein Tag eindeutig zu wenig Stunden. Und dann natürlich jede Menge Fachliteratur für meine nächsten Bücher. Dazwischen bleibt nicht viel Zeit. Bevorzugt lese ich dann Autoren wie Anita Shreve, deren Stil mich fasziniert oder auch Bücher befreundeter AutorInnen. Am meisten lese ich natürlich im Urlaub. Am Strand findet man mich dann meist mit einem Thriller und (erneut Arbeitsmaterial für meine Bücher, auch wenn ich meinen Kindern hoch und heilig verspreche, „nur“ Urlaub zu machen. Aber Leidenschaft ist nicht abstellbar.


PS: Liebe Alessandra, vielen Dank für das Interview!

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