Petra Schier

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Lesungen – Lust oder Frust?

Immer wieder stellen sich vor allem angehende AutorInnen bzw. solche, die gerade ihr erstes Buch veröffentlicht haben, die Frage, ob sie nun auch Lesungen geben sollen. Die Frage ist allerdings nicht mit einem einfachen Ja oder Nein zu beantworten.

In vollen Hallen lesen, ein Publikum, das andächtig an den Lippen des Autors hängt, lacht, wo es passt, zu zittern beginnt, wenn es spannend wird, und sogar an der richtigen Stelle ein paar Tränchen verdrückt, davon träumen wohl viele, wenn nicht die meisten AutorInnen.

Sie auch?

Die Realität sieht leider oft ganz anders aus:

Kaum Werbung durch den Veranstalter und falls doch, ausgerechnet diese oder jene Parallelveranstaltung, die das potentielle Publikum abhält, sich einzufinden. Schuld kann alternativ auch zu warmes, zu kaltes, zu nasses oder zu trockenes Wetter sein oder die Schulferien, die Fußball-EM/WM/Championsleague.

Mit anderen Worten: Der Saal ist nicht annähernd so voll, wie Sie dachten. Oder es handelt sich von vorneherein nicht um einen Saal, sondern nur um ein paar Stuhlreihen, die sich um einen kleinen Lesetisch oder auch nur einen Sessel drängen, weil z.B. die Buchhandlung einfach nicht mehr Platz bietet.

Das vorhandene Publikum aber, so sollte man meinen, ist dann wenigstens extrem interessiert (siehe oben). Schön, wenn es so ist, manchmal werden sie aber auch hierbei die eine oder andere Enttäuschung erleben.

Wenn Sie sich von dieser, zugegeben etwas überspitzten, Darstellung nicht schrecken lassen, ist dies schon mal der erste Schritt zu einer dennoch erfolgreichen Lesungs-Karriere.

Lesungen gibt es mittlerweile gerade in den größeren Städten wie Sand am Meer. Auf dem Lande ist das kulturelle Angebot meist etwas dünner gesät, jedoch heben Sie es hier auch etwas schieriger, überhaupt einen geneigten Veranstalter zu finden.

Die großen Buchhandlungen und Bibliotheken picken sich gerne die Rosinen aus dem Autorenmüsli, sprich, sie buchen am liebsten solche AutorInnen, die bereits weithin bekannt sind und volle Häuser fast garantieren. Löbliche Ausnahmen bestätigen diese Regel aber glücklicherweise.

Wie aber finden Sie nun den richtigen Veranstalter?

Welche Möglichkeiten gibt es neben Buchhandel und Bibliothek noch?

Da ist Kreativität gefragt. Es hängt nämlich auch ein gutes Stück von dem Buch ab, das Sie geschrieben haben, welche Lokalitäten in Frage kommen.

Historische Romane werden gerne in Burgen oder an historischen Stätten vorgestellt, Krimis zuweilen in Leichenhallen, pathologischen Abteilungen von Krankenhäusern oder auf Polizeirevieren.

Auch Restaurants und Gaststätten lassen sich unter Umständen für eine Lesung gewinnen, wenn zum Buch vielleicht ein passendes Essen serviert werden kann. Ähnliches gilt für Winzer.

Mit etwas Phantasie wird man sicherlich geeignete Ansprechpartner finden.

Und wie geht es dann weiter?

Ein Termin wird vereinbart (das sollte nicht allzu schweierig sein) und das Honorar ausgehandelt und am besten gleich vertraglich (also schriftlich!) festgehalten.

Und hier treten dem einen oder der anderen Lesewilligen bereits die ersten Schweißperlen auf die Stirn. Honorare zu verhandeln ist nämlich nicht immer einfach. Allerdings sollte es für jede Autorin, für jeden Autor selbstverständlich sein, ein angemessenes Honorar zu fordern.

Lesungen sind Arbeit – harte Arbeit! Und diese Arbeit muss bezahlt werden, ganz gleich mit welchen Gegenargumenten ein Veranstalter versucht, sich darum zu drücken oder das Honorar auf ein Minimum zu reduzieren.

Der Verband deutscher Schriftsteller (VS) in der ver.di empfiehlt schon seit Jahren ein Mindesthonorar von 250 Euro pro Lesung. Hinzu kommt die Mehrwertsteuer, falls Sie dafür optiert haben, und natürlich die Spesen (Fahrtkosten, evtl. Übernachtung etc.)

An diesem Richwert sollten sich auch Anfänger im Lesungsbetrieb orientieren. Verhandlungsspielraum gibt es natürlich immer, doch wenn Sie sich auf ein Honorar unter 150 Euro herunterhandeln lassen, sollten Sie sich überlegen, wie viel die Lesung dem Veranstalter insgesamt überhaupt wert ist und ob es Sinn macht, sich derart unter Wert zu verkaufen.

Abgesehen davon schaden Sie damit allen anderen AutorInnen, die ebenfalls versuchen, für sich ein angemessenes Honorar auszuhandeln. Lesungen sind für sehr viele Schreibende eine unverzichtbare Einnahmequelle!

Ohne Honorar zu lesen, sollte grundsätzlich abgelehnt werden. Ausnahmen sind Benefizveranstaltungen, deren Einnahmen einem guten Zweck oder gemeinnützigen Verein zugute kommen.

Veranstalter, die sich darauf nicht einlassen wollen, gibt es zwar immer wieder, aber man muss sich dann die ehrliche Frage stellen, ob man dann nicht lieber auf die Veranstaltung ganz verzichtet. Das klingt hart, aber nur auf diese Weise erreichen wir, dass die Einsicht, dass Lesungen ganz normale Arbeit sind, die honoriert weren muss, von den Veranstaltern verinnerlicht wird.

Lesungen sind Dienstleistungen, wenn man sich das vor Augen hält, fällt einem die Verhandlung des Honorars vielleicht icht mehr ganz so schwer.

Was können Sie noch tun, um sich gut zu verkaufen?

Nun, zum Beispiel eine Lesung anbieten, die sich vom typischen „Autor sitzt am Tisch und liest“ abhebt. Hier ist wieder Kreativität gefragt. Wie können sie Ihre Lesung aufwerten? Gibt es in Ihrem Buch ein spezielles Thema, zu dem Sie einen kleinen Vortrag halten oder gar einen Experten einladen können? Wie sieht es mit Kulissen, Kostümen, Accessoires oder musikalischer Untermalung aus? Aber Achtung, bei Untermalung mit Msuik, sei sie nun live oder „aus der Konserve“, muss dies von Veranstalter bei der GEMA angemeldet und ggf. bezahlt werden! (Infos hierzu gibt es auf der Internetseite der GEMA.)

Und nun noch ein Punkt, der, obwohl er auf der Hand liegt, leicht vergessen oder ignoriert wird:

Wer Lesungen machen will, muss lesen können! Damit ist nicht gemeint, Buchstaben aneinanderreihen zu können. Das lernt man in der Grundschule, und ohne diese Vorkenntnisse dürfte es mithin schwergefallen sein, ein Buch zu verfassen.

Gemeint ist, vor Publikum so lesen zu können, sodass selbiges nicht nach wenigen Sätzen in Gähnen oder gar Schnarchen verfällt. Betontes Lesen mit tragender Stimme, freies Sprechen vor Publikum, das sind Dinge, die vielen Menschen schwerfallen, die aber erlernbar sind.

Sprech- und Rhetorikkurse werden häufig an Volkshochschulen angeboten, und es lohnt sich wirklich, einen solchen aufzusuchen, wenn man nicht zufällig ein Naturtalent ist.

Viele Lesungen sind pure Folter für die Zuhörer und scheitern, weil die Autorin/der Autor zu leise, zu schnell, zu eintönig liest. Hin und wieder passiert auch das genaue Gegenteil: Um vermeintliche Effekte zu erzielen, wird zu laut oder übertrieben betont vorgelesen.

Hier hilft nur üben, üben, üben, gerne auch vor dem Spiegel im stillen Kämmerlein.

Die meisten AutorInnen lesen zu schnell. Ob vor Aufregung oder aus Gewohnheit, sei dahingestellt. Das richtige Tempo ist dann erreicht, wenn man selbst das Gefühl hat, entsetzlich langsam zu lesen.

Atempausen sind wichtig, deshalb empfiehlt es sich, diese im Text farbig zu markieren.

Bei der Gelegenheit kann man dann auch sehr gut den Blick vom Text heben und Augenkontakt zum Publikum herstellen. Mit einiger Übung geht das ganz leicht, und an die Stelle möglicher Hemmungen tritt die Erkenntnis, dass man auf diese Weise schnell mitbekommt, ob das Publikum „mitgeht“, also vom Text gefesselt ist, oder eher gelangweilt oder angestrengt dreinschaut.

Um sich das Ablesen des Textes zu erleichtern, kann man diesen auch aus dem Manuskript kopieren bzw. aus dem fertigen Buch herausscannen und dann im Textverarbeitungsprogramm lesefreundlich und in angenehmer Schriftgröße gliedern.

Auch sollte man den Text, den man vorzutragen gedenkt, zuhause so oft gelesen haben, dass man ihn gründlich kennt und nicht an schwierigen Stellen oder komplizierten Wörtern hängenbleibt. Das Publikum nimmt den einen oder anderen Versprecher zwar nicht übel, doch wirkt es allemal professioneller, wenn man mit dem eigenen Text vertraut ist. Insbesondere dann, wenn die Veröffentlichung schon einige Zeit zurückliegt und man vielleicht schon mit einem neuen Buchprojekt beschäftigt ist. Auch kann man auf diese weise vorab schon Üben, mit welcher Betonung der Text am spannendsten klingt.

Dauert eine Lesung länger als 30 Minuten, ist es sinnvoll, eine kurze Pause zu machen, in der z.B. vom Veranstalter Getränke und/oder Häppchen gereicht werden können. Je nach Gesamtlänge der Veranstaltung kann die Pause fünf bis fünfzehn Minuten dauern.

„Was soll ich denn überhaupt lesen?“, fragen Sie sich vielleicht. Das hängt vom Ihrem Geschmack und der Art des Textes ab. Manchmal macht es Sinn, beim Anfang, also im ersten Kapitel, zu beginnen, ein andermal bietet es sich eher an, eine oder mehrere spannende oder interessante Szenen aus dem Mittelteil herauszugreifen. Sie sollten jedoch darauf achten, dass, wenn Sie mehrere Szenen lesen, Sie die Übergänge kurz erläutern, damit das Publikum den Zusammenhang begreift. In der Regel sinnvoll, nicht zu viele kleine Szenen auszuwählen, sondern eher wenige längere. Das Publikum will schließlich nicht verwirrt werden, sondern erfahren, worum es in Ihrem Buch geht.

Einen positiven Effekt erreichen Sie immer, wenn Sie die Lesung an einer besonders spannenden oder aufregenden Stelle beenden, da dies natürlich bei den Zuhörern den Wunsch weckt, zu erfahren, wie es weitergeht.

Ob Sie nach der Lesung noch die Möglichkeit anbieten, Fragen aus dem Publikum zu beantworten, müssen Sie selbst entscheiden. Meist haben auch die Zuhörer Hemmungen, vor anderen Menschen Fragen zu stellen, sodass es schon mal vorkommen kann, dass sich niemand traut, Sie anzusprechen. In diesem Fall bietet es sich an, von sich aus etwas über sich, die Entstehung des Buches, die Recherche usw. zu erzählen.

Ein weiterer guter Kompromiss ist es hier, dem Publikum anzukündigen, dass Sie im Anschluss an die Lesung gerne noch auf ein Glas Wein/Bier/Saft/Wasser bleiben und für Fragen und Gespräche offen sind.

Meist schließt sich an die Lesung auch noch die Möglichkeit für das Publikum an, Ihr Buch käuflich zu erwerben und signieren zu lassen. Hierzu sollten Sie sich schon im Vorfeld ein paar kurze Standartsprüche überlegen, die Sie hierzu benutzen können. Das erspart Ihnen das hektische Überlegen vor Ort. Auch ist es ratsam, sich die Namen derjenigen, denen sie das Buch widmen sollen, buchstabieren oder auf einem Blatt Papier aufschreiben zu lassen, damit es beim Verfassen der Widmung keine Missverständnisse oder Fehler gibt.

Was ist sonst noch zu beachten, um sowohl beim Publikum als auch beim Veranstalter einen guten Eindruck zu machen?

Auch wenn es banal klingt, einige der folgenden Punkte scheinen nicht für alle AutorInnen sebstverständlich zu sein:

Kommen Sie persönlich zu Ihrer Lesung! Das klingt merkwürdig, aber es ist schon vorgekommen, dass AutorInnen eben dies nicht taten, sondern einen Schauspieler o.ä. schickten. Der Veranstalter und das Publikum erwarten, Sie zu sehen, dafür bezahlen sie schließlich!

Erscheinen Sie immer pünktlich, am besten mindestens eine halbe Stunde vor der Lesung am Veranstaltungsort! Sollte dies aus irgendwelchen Gründen (Unfall, Stau etc.) nicht gelingen: Es gibt eine Erfindung, die nennt sich Telefon. Nutzen Sie sie!

Seien Sie höflich, begrüßen Sie den Veranstalter per Handschlag und danken Sie ihm für die Möglichkeit, bei ihm zu lesen. Auch der örtliche Buchhändler und die anwesende Presse freuen sich über eine freundliche Begrüßung und ein paar nette Worte. Ebenso wetiere Autorinnen, mit denen Sie gemeinsam lesen werden.

Erscheinen Sie vollständig und ordentlich bekleidet bei der Lesung!

Erscheinen Sie nüchtern und ohne unter Drogeneinfluss zu stehen bei der Lesung!

Je nach Art der Beschallung vor Ort: Fragen Sie das Publikum, ob es Sie gut verstehen kann. Falls nicht, sprechen Sie lauter! Gleiches gilt, wenn man nicht gefragt hat, das Publikum jedoch durch „Lauter!“-Rufe auf sich aufmerksam macht.

Geben Sie, bevor Sie zu lesen beginnen, einen kurzen Überblick über den Verlauf des Abends, sofern der Veranstalter es nicht bereits getan hat!

Bedanken sie sich vor der Lesung beim Publikum für sein Erscheinen! Dabei spielt es keine Rolle, ob Sie vor zwei oder zweihundert Menschen lesen.

Legen Sie sich nicht mit dem Publikum an! Es gibt immer Leute, die nörgeln oder alles besser wissen. Auch klingelnde Handys oder störende Kellner oder ähnliches können einem die Laune verderben. Nehmen Sie es mit Humor und zeigen Sie Niveau! Lautstarke Auseinandersetzungen, gleich mit wem, haben auf einer Lesung nichts zu suchen.

Halten Sie sich an den Zeitplan, den der Veranstalter ausgearbeitet hat. Dies ist nicht nur höflich, sondern im Falle, dass mehrere Autorinnen lesen sollen, auch fair.

Kauen Sie kein Kaugummi vor, während und nach der Lesung! Gleiches gilt für jedwede Art von anderem Essen.

Rauchen Sie nicht während der Lesung!

Bleiben Sie bis zum Ende der Veranstaltung! Dies gilt auch für den Fall, dass Sie zusammen mit anderen AutorInnen lesen, auch wenn Ihre Lesung längst vorüber ist.

Bedanken Sie sich am Ende der Lesung für die Aufmerkamkeit des Publikums!

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